Achim Graf: „Es gibt noch immer zwei Deutschland“

Bezaubernde Landschaft zeichnet den Landkreis Uckermark im Nordosten von Brandenburg ebenso aus wie den Landkreis Eichstätt in Oberbayern. Der entscheidende Unterschied zwischen beiden Regionen ist ein anderer: Beträgt in Eichstätt die Arbeitslosenquote 1,3 Prozent, liegt sie in der Uckermark bei über 15 Prozent. Wie lebt es sich mit der niedrigsten Arbeitslosenquote in Deutschland? Und wie mit der höchsten?

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Dieser Frage geht Achim Graf in seinem bei tredition erschienenen Buch „Zwei Deutschland“ nach. Jeweils zehn Tage bereiste er die beiden Regionen und sprach mit der Bevölkerung über deren Wünsche, Hoffnungen und Sorgen. So entstanden zwei Reportagen und 16 Porträts, die dem Leser zwei extrem unterschiedliche Regionen auf ebenso unterhaltsame wie bewegende Weise nahebringen. Achim Graf über seine Recherchereise, die Gespräche mit den Menschen und die Leser-Resonanz auf sein Buch.

tredition: Lieber Herr Graf, Sie haben die beiden deutschen Regionen mit der höchsten respektive niedrigsten Arbeitslosenquote in Deutschland besucht. Wie entstand die Idee dazu?
Achim Graf: Mich reizen einfach die Extreme. Nein, im Ernst, die Idee reifte schon lange in mir. Schon während meines Soziologie-Studiums sowie auch später bei meiner Arbeit als Journalist wurde mir die Bedeutung der

Achim Graf

Achim Graf ist freier Journalist und Texter. Seine Beiträge sind in zahlreichen Tages- und Wochenzeitungen erschienen, darunter Die Zeit, die SZ und die taz. „Zwei Deutschland“ ist sein erstes Buch.

Arbeit für unser Leben immer offensichtlicher. Nicht nur des Geldes wegen, das wir mit ihr verdienen. Auch weil wir uns häufig über unseren Job definieren. Auf einer Party nennen wir ja automatisch unseren Beruf, wenn wir darauf angesprochen werden, was wir denn so machen. Ich fragte mich: Was bedeutet das konkret für die Menschen, in einer Gegend mit scheinbar genügend oder ganz offenbar zu wenigen Arbeitsplätzen zu leben?

Im Landkreis Eichstätt in Bayern sind gerade mal 1,3 Prozent der Leute ohne Job, in der Uckermark sind es mehr als 15 Prozent. Welche Auswirkungen hat das auf den Alltag und vor allem auf den Gemütszustand der Menschen in der jeweiligen Region? Das wollte ich herausbekommen, bin hingefahren und habe mit ganz vielen Leuten gesprochen. Quer durch die Gesellschaft.

tredition: Wie lange haben Sie sich jeweils in den beiden Regionen aufgehalten?
Achim Graf:
Ein solches Projekt hat natürlich einen langen Vorlauf. Um die aufwändige Recherche finanzieren zu können, hatte ich zunächst ein Crowdfunding gestartet. Letztendlich hatte ich rund 70 Unterstützer für mein Buch, was mir zudem zeigte, dass das Thema ganz offensichtlich auch für andere interessant ist. Danach habe ich mich einige Wochen von Köln aus eingehend über die beiden Regionen informiert und einige Interviewtermine verabredet, etwa mit den jeweiligen Landräten, mit zwei Bürgermeistern oder auch mit Unternehmern und Vertretern der Arbeitsämter vor Ort. Die Hälfte meiner im Buch porträtierten Menschen habe ich jedoch spontan gefunden bei der eigentlichen Recherchetour, die mich dann für jeweils rund zehn Tage in die Landkreise führte.

„Die erste Überraschung war zweifellos die landschaftliche Schönhei.“

tredition: Hatten die Menschen gar keine Scheu, offen von ihren Ängsten und Sorgen zu sprechen?
Achim Graf:
Ich habe, und das ist sicherlich wichtig, sie ja nicht nur nach Ängsten und Sorgen gefragt, sondern genauso nach ihren Freuden und Hoffnungen. Dann fällt es den Menschen viel leichter, im Gegenzug auch über ihre Nöte zu sprechen. Und die gibt es, soviel wurde klar, nicht nur in einer Region mit wenig Arbeit. Zum zweiten ist es zweifellos wichtig, wie man ein solches Thema angeht. Ich habe deshalb weniger klassische Interviews geführt sondern vielmehr Gespräche, in denen ich auch meine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse mit eingebracht habe. Politiker und Unternehmer sind es in der Regel gewohnt, mit Medien umzugehen. Bei anderen aber habe ich dadurch erst Vertrauen gewinnen können. Für die Studentin oder den Rentner aus Eichstätt gilt das sicherlich genauso wie für die Eisverkäuferin oder den arbeitslosen Künstler aus der Uckermark.

tredition: Was waren ein, zwei Ihrer interessantesten Erkenntnisse?
Achim Graf: Die erste Überraschung war zweifellos die landschaftliche Schönheit – und zwar beider Regionen. Wo hohe Arbeitslosigkeit herrscht, ist es nicht zwangsläufig trist und grau. Es gibt zwar in der Tat mehr verfallene Gebäude oder ungenutztes Brachland als anderswo, aber das sind nicht die beherrschenden Merkmale. Die Uckermark besticht vielmehr, ähnlich wie der Landkreis Eichstätt, durch weite, zum großen Teil geschützte Naturlandschaften, bezaubernde Städtchen und prächtige Schlösser. Und so sind beide Landkreise äußerst beliebte Urlaubsregionen. Nur, dass der Tourismus in Brandenburg eben einer der insgesamt wenigen Stützpfeiler der Wirtschaft ist, in Oberbayern dagegen lediglich einer von ganz vielen. Noch erstaunlicher war für mich jedoch etwas anderes: Dass nicht nur ein Landkreis mit Vollbeschäftigung unter Fachkräftemangel leidet, sondern auch eine Region, in der jeder sechste ohne Arbeit ist. Wie das zusammengeht, diese Frage wird in meinem Buch unter anderem beantwortet.

tredition: Was möchten Sie mit Ihrem Buch erreichen?
Achim Graf:
Ich wollte rund ein Vierteljahrhundert nach Mauerfall und Wiedervereinigung den Blick dafür schärfen, dass es noch Zwei Deutschland von Achim Grafimmer diese zwei Deutschland gibt: eins mit viel und eins mit wenig Arbeit. Die Auswirkungen der nach wie vor sehr unterschiedlichen Wirtschafts- und damit auch der Kaufkraft sind weiter enorm. Man bedenke nur die ungleiche Infrastruktur was sich im Schulangebot genauso zeigt wie beim öffentlichen Nahverkehr. Dass es in der Uckermark vor gut 15 Jahren noch fast 30 Prozent Arbeitslose gab, zeigt zwar einen positiven Trend, der ist allerdings teilweise teuer erkauft. Der Landkreis hat seit der Wende, insbesondere durch die Abwanderung der Jungen, rund ein Drittel seiner Einwohner verloren. Was das für Auswirkungen auf das Leben vor Ort hat, wollte ich aufzeigen. Das Schöne aber ist: Es sind durchaus auch Mutmacher-Geschichten aus dem Osten dabei. Ich habe Menschen getroffen, die sich mit Engagement und Ideen gegen den von vielen Seiten prophezeiten Niedergang der Region stemmen. Mit durchaus beachtlichem Erfolg: Die ersten weggezogenen Uckermärker kehren wieder zurück in ihre Heimat. In Eichstätt hingegen muss man sich über so etwas keine Gedanken machen, der Landkreis hat seit 1990 fast 25.000 Einwohner dazugewonnen, der Wirtschaftskraft sei Dank. Während anderswo Schulen geschlossen werden, machen hier sogar neue auf. Im Gegenzug sind allerdings die Lebenshaltungskosten in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.

„Self-Publishing bringt die Freiheit mit sich, alles entscheiden zu können.“

tredition: Haben Sie bereits erste Leserresonanz erhalten?
Achim Graf: Ich habe das Buch erst vor wenigen Tagen bei einer Releaseparty in Köln vorgestellt, ganz viele meiner Unterstützer aus dem Crowdfunding waren da. Diese hatten ihr grundsätzliches Interesse ja bereits bekundet und fanden das Ergebnis zumindest von der äußeren Form her sehr ansprechend, wie sie mir bescheinigten. Vier der insgesamt 16 Porträts aus dem Buch habe ich im Rahmen der Veranstaltung vorgelesen und diese wurden ausgesprochen positiv aufgenommen. Es wurde ausdauernd geklatscht, ich nehme das jetzt mal als gutes Zeichen.

tredition: Weshalb haben Sie sich entschieden, die Erkenntnisse in Buchform herauszugeben und nicht in Form von Reportagen/Porträts in der Zeitung?
Achim Graf:
Einmal ein Buch zu schreiben, fand ich schon immer reizvoll. Das war allerdings nicht der entscheidende Impuls. Mein Thema in einem einzigen, auch längeren Artikel in der nötigen Tiefe abzuhandeln, wäre schlicht nicht möglich. Als freier Autor eine ganze Serie mit 16 Porträts und zwei begleitenden Reportagen zu verkaufen, schien mir jedoch angesichts der insgesamt schwierigen Situation der Zeitungen als eher unwahrscheinlich. Daher habe ich mich für diese Form der Veröffentlichung entschieden. Das hat darüber hinaus den Vorteil, dass man die vielen Geschichten nun direkt zum Vergleich beieinander hat. Daraus erwächst vielleicht auch der Reiz, beim Lesen mal spontan von der einen zur anderen Region zu wechseln.

tredition: Weshalb haben Sie sich für Self-Publishing und speziell tredition entschieden?
Achim Graf: Die Freiheit, alles alleine entscheiden zu können, war sicherlich der Hauptaspekt. Während der Konzeption und der Schreibphase habe ich jedoch auch gemerkt, dass es durchaus anstrengend sein kann, alles selbst entscheiden zu müssen. Nun allerdings bin ich froh, dass ich mich für diesen Weg entschieden habe. Dass meine Wahl dabei auf tredition fiel, hat zum einen mit der gelungenen Coverauswahl zu tun, bei der ich mich gerne bediente. Zum anderen mit der beworbenen Unterstützung beim späteren Buch-Marketing. Neben der Qualität der Veröffentlichung ist das zweifellos der Hauptaspekt für einen möglichen Erfolg eines Buches. Was bringen mir hohe Provisionen, wenn kaum jemand von meinem Werk erfährt – und es in der Folge nur wenige kaufen.

tredition: Welche Marketingmaßnahmen haben Sie für Ihr Buch geplant?
Achim Graf:
Meine Releaseparty war nur der Anfang, in naher Zukunft stehen noch zwei Lesungen an, die als Prämien meines Crowdfundings gebucht wurden. In zwei Kölner Buchhandlungen liegt „Zwei Deutschland“ bereits im Regal, ich hoffe, dass da – insbesondere in den beiden im Buch vorkommenden Regionen – noch ein paar weitere dazukommen. Ob sich in diesem Zusammenhang Möglichkeiten für Lesungen ergeben, kann ich aber noch nicht abschätzen. Zudem stehe ich bereits in Kontakt mit mehreren Kollegen bei Zeitungen, da hoffe ich auf die eine oder andere Rezension, um mein Buch bekannt zu machen. Außerdem werde ich mein Buch sicherlich auch auf Autorenplattformen wie „Seite 99“ oder „Autoren-Bücherei“ vorstellen – und natürlich immer wieder meinen eigenen Facebook- und Xing-Kontakten mit allen Entwicklungen rund um mein Buch ein bisschen auf die Nerven gehen.

tredition: Steht ein weiteres Buchprojekt dieser Art an?
Achim Graf:
Der Aufwand für das Buch war schon enorm. Nun bin ich erst einmal glücklich, dass es auf dem Markt ist und werde mit Interesse verfolgen, ob es seine Käufer findet. Ist das der Fall, halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass es ein Nachfolgeprojekt gibt. Mögliche Themen hätte ich bereits, allerdings bislang nur als Idee.

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