Clemens Bergner – ein Plädoyer für das Recht auf körperliche Unversehrtheit

Clemens Bergner

Autor Clemens Bergner spricht unter Pseudonym über die fatalen Folgen von Beschneidung.

Clemens Bergner gibt in einem aufrüttelndem Buch „Ent-hüllt! Die Beschneidung von Jungen – Nur ein kleiner Schnitt?“ Betroffenen von Beschneidung eine bislang wenig gehörte Stimme. In seinem mutigem Werk kommen Männer zu Wort, die über ihre meist im Kindesalter erfolgte Beschneidung erzählen. Diese Betroffenen berichten offen und ehrlich über die negativen Folgen, unter denen sie ihr Leben lang leiden. Folgen, die sie sowohl körperlich, als auch seelisch beeinträchtigen. Bergners Buch, das kürzlich auch ausführlich von der Frankfurter Rundschau vorgestellt, aber auch von vielen anderen Medien bereits besprochen wurde, leistet einen wichtigen Beitrag zu einer noch immer unterdrückten Debatte.

 

tredition: Lieber Herr Bergner, Sie sprechen mit Ihrem Buch „Ent-hüllt! Die Beschneidung von Jungen – Nur ein kleiner Schnitt?“  ein Tabuthema an. Betroffene packen über die oft fatalen Folgen von Beschneidung aus. Sie berichten darin  über Schmerzen, Verlust und Scham von Betroffenen. War es schwierig, dieses Buch zu schreiben – auch als persönlich Betroffener?

 

„Menschen und ihren Schicksalen eine Stimme verleihen“

 

Clemens Bergner: Nein, eigentlich nicht – ganz im Gegenteil. Was meine eigene Geschichte betrifft, war es eine große Befreiung für mich, dies alles einmal loszuwerden. Und bei den Berichten der direkt und indirekt Betroffenen wiederum trieb mich mein Vorhaben an, diesen Menschen und ihren Schicksalen eine Stimme zu verleihen. Ich hatte das Gefühlt, dass viele von ihnen froh waren, endlich ihre Geschichte erzählen zu dürfen und ernst genommen zu werden. Die spätere Phase des Korrigierens, Kürzens und Redigierens dagegen empfand ich als weitaus anstrengender und aufreibender. Insofern war nicht das Schreiben schwierig, eher das Fertigwerden.

tredition: Viele der Berichte sind sehr dramatisch. Wie sind Sie damit umgegangen und wie ergeht es Ihren Lesern? Kann und soll man derartige Grausamkeiten einem breiten Publikum zumuten?

Clemens Bergner: Man MUSS es sogar! Unsere Gesellschaft mutet unseren Jungen und Männern Tag für Tag genau diese Dinge zu und ignoriert dabei ihre Leiden. Solange dazu geschwiegen wird, kann und wird sich daran auch nichts ändern. Anfangs hatte ich in der Tat einige schlaflose Nächte, während ich die Flut an Zuschriften und Berichten sichtete. Obwohl ich schon Monate zuvor viel Kontakt zu Betroffenen hatte und viele ihrer Schicksale kannte, traf mich die Wucht der Aussagen und Schilderungen doch sehr. Im weiteren Arbeitsfortschritt wurde das dann jedoch zum Glück besser. Aus den zahlreichen Rückmeldungen von Lesern weiß ich, wie intensiv die Lektüre meines Buches wirkt und nachwirkt. Manche Leser – vor allem selbst Betroffene – sprechen davon, dass sie immer nur seitenweise lesen können und das Buch dann wieder weglegen müssen. Ich bin hier hin- und hergerissen. Einerseits tut es mir leid, Menschen derart mit diesen Wahrheiten zu konfrontieren. Doch andererseits ist leider genau dies nötig, um aufzurütteln und Mitgefühl und Verständnis zu schaffen.

tredition: Was ist Ihr Beitrag zur Beschneidungsdebatte?

Zweierlei: Erstens möchte ich den Betroffenen eine Stimme geben. Während der gesamten Debatte im Jahr 2012 wurden wir von den „offiziellen“ Diskussionen konsequent ausgeschlossen, unsere bloße Existenz in Frage gestellt. Diese Ignoranz möchte ich überwinden. Zweitens geht es mir darum, die zahlreichen zwangsläufigen und möglichen negativen Folgen des nur scheinbar harmlosen und kleinen Schnittes aufzuzeigen. Noch immer muss ich hören und lesen, dass negative Folgen ausschließlich als Folge von Komplikationen auftreten können. Die Operation müsse nur unter optimaler Hygiene von einem Profi durchgeführt werden, dann sei doch alles in Ordnung. Doch das ist ein großer Irrtum! Um es mit den Worten eines bekannten deutschen Kinderurologen zu sagen: Die Komplikationsrate der Zirkumzision beträgt 100%!

 

Ent-hüllt

Bild: Cover „Ent-hüllt“

„Recht auf körperliche Unversehrtheit wahren“

 

tredition: Was sind Ihre Ziele und wen möchten Sie mit Ihrem Buch erreichen?

Clemens Bergner: Ich will ein breites Verständnis dafür schaffen, dass das Recht auf unversehrte Genitalien nicht nur für Mädchen gelten darf, sondern für alle Kinder, unabhängig vom Geschlecht. Es muss zur Selbstverständlichkeit werden, dass Erwachsene an den Genitalien von Kindern nichts zu suchen haben, zu keiner Zeit, es sei denn, dies ist dringend medizinisch geboten. Dazu ist es notwendig, die möglichen Folgen auch scheinbar kleiner und vor allem tradierter Eingriffe in die Intimsphäre von Kindern zu kennen.
Ich richte mich dabei vor allem an Eltern, deren Kind „beschnitten“ werden soll. Sie sollen wissen, was sie ihrem Kind damit antun. Ansprechen möchte ich aber auch Betroffene und sie anregen, über sich und ihre Situation nachzudenken. Viele „beschnittene“ Männer wissen gar nicht, was sie verloren haben, wie sehr sich ihr Körper, ihre Körperwahrnehmung und auch ihre Sexualität mit all ihren Facetten im Vergleich zu intakten Männern verändert haben.  Je mehr Betroffene dies erkennen und sich vor allem dazu äußern, desto weniger Chancen hat das „Argument“, die Amputation der Vorhaut habe keine Nachteile und es gäbe keine Männer, die sich beklagen.

tredition: Das Buch ist inzwischen sehr erfolgreich. Kürzlich hat sogar die Frankfurter Rundschau in ihrer Printausgabe großflächig darüber berichtet. Was sagen Sie zu der Resonanz auf das Buch?

Clemens Bergner: Das positive Presseecho freut mich natürlich sehr. Vor allem finde ich es interessant, dass ich bisher noch keine negative Stimme dazu gehört und gelesen habe. Es gab bislang keine ablehnende Kritik. Ich deute das als wichtigstes Indiz dafür, dass ich richtig liege. Am meisten jedoch freuen mich die zahlreichen Mails von Lesern, die mich direkt anschreiben und mir ihre Gefühle während und nach der Lektüre des Buches schildern. Dieses Feedback ist für mich die wichtigste Bestätigung.

tredition: Was haben Sie beim Schreiben als größte Herausforderung empfunden?

Clemens Bergner: Ich wollte vor allem nicht fanatisch wirken und nicht den Fehler begehen, der den Befürwortern und Verteidigern des Eingriffs immer wieder unterläuft: Einseitig zu verallgemeinern. Gerade bei meinem Konzept, mich auf die negativen Folgen und Auswirkungen zu konzentrieren, war dies wichtig. Ebenso wichtig war mir, die Berichte unabhängig zu werten, auch unabhängig von Religion oder Tradition. Aber ich denke, dies ist mir recht gut gelungen.  Mir ist sehr wohl bewusst – und darauf weise ich auch immer wieder hin – dass manche unter ihrem Zustand leiden, während andere keinen Unterschied feststellen können und einige sogar überaus zufrieden damit sind. Doch eben diese Fülle an möglichen Empfindungen macht es so wichtig, eine derart gravierende Entscheidung ausschließlich dem Betroffenen selbst zu überlassen, nach reiflicher Überlegung und vor allem ehrlich und ausreichend informiert. Doch genau dies geschieht noch immer viel zu wenig, sei es bei rituellen, rein kosmetischen oder bei scheinbar oder tatsächlich medizinisch indizierten „Beschneidungen“.

tredition: Gab es einen Moment, an dem Sie die Veröffentlichung zu diesem Thema bereut haben oder würden Sie alles genau so wieder machen?

Clemens Bergner: Nein, bereut habe ich diese Veröffentlichung zu keinem Zeitpunkt, ganz im Gegenteil. Die Zeit für dieses Buch war überreif und die Resonanzen darauf bekräftigen mich täglich in dieser Einschätzung.

tredition: Weshalb haben Sie sich bei Ihrem Buch für Self-Publishing und tredition entschieden?

Clemens Bergner: Ich habe viel Zeit verloren bei der Suche nach einem klassischen Verlag, der sich überhaupt traut, ein Buch zu diesem Thema und mit dieser Konzeption zu veröffentlichen. Als ich endlich einen gefunden hatte, musste ich mich mit zahlreichen Änderungswünschen herumschlagen, die für einen Moment sogar das gesamte Projekt infrage stellten. Aus dieser Situation heraus entschied ich mich dazu, das Buch selbst zu veröffentlichen, ohne Einmischung, ohne Einschränkung, ohne Kompromisse. Und diese Entscheidung war richtig. Ich hätte sie schon viel eher treffen sollen.

tredition: Welche Tipps zur Buchveröffentlichung haben Sie für Autoren, die vor der Entscheidung stehen, wie und wo sie ihr Buch publizieren?

Clemens Bergner: Es gibt sicher nicht DIE richtige Art, ein Buch zu veröffentlichen. Je nach Konzeption und Ausgangssituation kann auch ein klassischer Verlag die bessere Lösung darstellen. Aber wenn es darum geht, ein Buch zügig zu veröffentlichen, wenn man von Inhalt und Konzept des eigenen Manuskriptes überzeugt ist und die Mühen des Marketings nicht scheut, ist das Self-Publishing sicher die ideale Alternative.

tredition: Wie gehen Sie bei der Bewerbung Ihres Buches vor?

Clemens Bergner: Da ich unter Pseudonym veröffentlicht habe, scheidet leider eine eigene Webseite aufgrund des nötigen Impressums aus. Doch ich nutze diverse Onlineauftritte und soziale Medien. Seit kurzem gibt es z.B. eine eigene Seite meines Buches auf Facebook. Von Anfang an bemühte ich mich um Rezensionen und Kommentare von Juristen, Medizinern und Journalisten. Diese Kritiken waren und sind eine sehr wichtige Unterstützung für mich.
Für sehr wertvoll halte ich auch die Möglichkeit, gedruckte Flyer zu verteilen.

tredition: Bleibt es bei einem Buch oder können Ihre Leser mit einem weiteren Werk von Ihnen rechnen?

Clemens Bergner: Im Moment nimmt mich die Vermarktung dieses ersten Buches noch voll in Beschlag. Grundsätzlich könnte ich mir weitere Arbeiten durchaus vorstellen. Aber das ist im Moment alles noch Zukunftsmusik.

tredition: Lieber Herr Bergner, wir danken Ihnen recht herzlich für das Gespräch!

 

2 Antworten
  1. Wolf A. says:

    Glückwunsch zu diesem neuen Sachbuch! Vor allem der gedankenlose “traditionelle“ Umgang mit diesem Thema kann nicht oft genug hinterfragt werden; denn “die (körperliche und seelische) Komplikationsrate der Zirkumzision beträgt 100 %“ !

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  2. Clemens Bergner says:

    Vielen Dank für das Kompliment!
    Ich denke, man braucht die traditionelle Variante des Eingriffs hier gar nicht hervorzuheben. Sicher: Eine rituelle Genitalbeschneidung von Kinder steht quasi symbolisch für „medizinisch nicht indiziert“.
    Man muss sich hier aber vor Augen führen: In Deutschland wird bei ca. 15% aller Jungen die Vorhaut amputiert, der weitaus größte Teil davon aus vorgeblich medizinischen Gründen. Im Vergleich dazu ist in Finnland die Beschneidungsrate bei weit unter einem Prozent. Es ist dabei jedoch nicht zu vermuten, dass die Geschlechtsteile finnischer Jungen signifikant gesünder oder kränker sind.
    Daran sieht man: Es reicht, sich generell auf die Gedanken- und Sinnlosigkeit des Eingriffs zu beziehen und den Jungen und Männern gegenüber ein Minimum an Respekt zu zeigen: Kein Körperteil ist unwichtig, nutz-, sinn- oder wertlos.

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