Diego Bullcutter ist  ein Kind der frühen 70er Jahre und Buchautor. Der Autor ist humanistisch gebildet und interessiert sich neben Philosophie auch für geschichtliche Entwicklungen. Sein Steckenpferd ist aber die Dystopie. Die Leidenschaft für dystopische Romane hat Bullcutter in seiner Jugend dank einiger Meilensteine dieses Genres entdeckt, darunter THX1138 von Produzent, Drehbuchautor und Regisseur George Lucas aus dem Jahr 1971 und Logan’s Run (Flucht ins 23. Jahrhundert),  ein US-amerikanischer Science-Fiction-Film aus dem Jahr 1976 unter der Regie von Michael Anderson. Mit der packenden Science Fiction-Reihe „Global Dawn“ legt Bullcutter einen Zukunftsroman über eine Bevölkerung ohne eigenen Willen vor. Gerade ist der neuste Streich des Autors „Global Dawn II: Transhumanismus“ bei tredition erschienen. D. Bullcutter gelingt es, sich mit Teil zwei seiner mitreißenden „Global Dawn“-Reihe „Transhumanismus“ mit einem wahren Science Fiction-Paukenschlag zurückzumelden. Eine polemische Ader des Autors ist auch in diesem aktuellen Werk unverkennbar. Die intelligente und gut durchdachte Handlung bietet nicht nur viele Stunden Lesefreude und intelligente Unterhaltung, sondern regt Leser zum (Weiter)Nachdenken über die aktuellen Zustände in der Welt an. Wir haben den interessanten Autor hinter den Werken zum Gespräch eingeladen.

Das Autoreninterview mit Diego Bullcutter

Erfahren Sie im Interview alles über:

  1. Die Faszination der Dystopie  – Über die Wahl des Pseudonyms und den Duktus des Buches
  2. Worum geht es? – Erfahren Sie mehr über die Romanreihe „Global Dawn“
  3. Das Buch  – Der zweite Teil Dystopie-Reihe „Transhumanismus“
  4. Die Weiterentwicklung der Dystopie und große Vorbilder  – Hintergründe zum Genre
  5. Auch mal aufrütteln mit dem eigenen Buch – Alle Informationen zum Umgang mit der Krankheit
  6.  Die Erfüllung eines Traumes – Das Schreiben
  7. Der Weg zum LeserWie kommt D. Bullcutter eigentlich zum Self-Publishing
  8. Die Entwicklung im Buchmarkt: eine Prognose  – über den Status Quo des Lesens
  9. Das Marketing Was hat D. Bullcutter in Sachen Marketing gemacht?
  10. Die Zukunft Und wie sieht die Zukunft als Autor aus?

Diego Bullcutter im Wortlaut

Dystopie

1. Die Faszination der Dystopie

tredition: Lieber Herr Tagliabue, oder sollten wir Sie lieber Bullcutter sagen? Sie schreiben unter einem wunderbar naheliegenden Pseudonym, warum haben Sie sich für das Pseudonym entschlossen?

D. Bullcutter/Diego Tagliabue: Liebe Frau Otto, ich würde die Fortführung dieses Interviews mit meinem echten Namen – also Tagliabue – bevorzugen. In der Tat ist „Bullcutter“ einfach die Übersetzung meines Nachnamens ins Englische. Spaßhalber hatte ich mich dafür entschieden.

tredition: Aktuell ist der zweite Teil der erfolgreichen Reihe „Global Dawn“ erschienen. Die dystopische Romanreihe zeichnet ein düsteres Gesellschaftsbild. Wie sind sie auf diesen Stoff gekommen? Sind Sie ein Pessimist?

D. Bullcutter/Diego Tagliabue: Gesellschaftskritisch und nicht pessimistisch habe ich mich mit den Fehlentwicklungen der heutigen Zeit auseinandergesetzt. Pessimismus bedeutet für mich, keinen Ausweg zu sehen. Optimismus bedeutet für mich, sich die Realität schön zu reden. Aus der Feststellung der gegenwärtigen Lage habe ich eine Projektion in die nahe Zukunft gewagt. Ich habe zu keinem Zeitpunkt den Anspruch erhoben, wie ein „Seher“ alles ins Detail darstellen zu können.

2. Worum geht es?

tredition: Was unterscheidet Ihren Roman von anderen Dystopien? Erzählen Sie uns Ihren Romaninhalt in wenigen Sätzen?

D. Bullcutter/Diego Tagliabue: Der Hauptunterschied besteht darin, dass ich in „GLOBAL DAWN Die Abtrünnigen“ den Weg in die Dystopie beschreibe, während die meisten dystopischen Romane und deren Verfilmungen in der Regel nur den finalen Ist-Zustand darstellen.

In meinem Roman begreifen ein Hand voll Länder, dass sie – geografisch wie politisch – zwischen zwei Kolossen stehen, die sie um ihre Selbstbestimmung zugunsten der eigenen Hegemonialansprüche und Ideologien berauben wollen. Dazu kommen Regionalmächte, die durch ihre Unberechenbarkeit die Lage zusätzlich erschweren. Erst nach dem Fall des „Zwischenlandes“, dessen Politiker sich bis dahin um politisch-diplomatische Lösungen bemüht hatten, stellen die vier „abtrünnigen“ Länder und deren Verbündeten endgültig auf Abwehrhaltung um. Gleiches gilt für Menschen aus dem Westen, welche die zunehmende Beschneidung bürgerlicher Freiheiten bis hin zur Gefährdung der eigenen körperlichen Unversehrtheit wahrnehmen und sich für das freiwillige Exil östlich des Böhmerwaldes entscheiden. Auf die Bequemlichkeiten einer immer stärker technologisierten Welt verzichten sie, weil der Preis dafür die ideologische „Normalisierung“ ist. Die in den Osten Zugezogenen wissen aber, dass ihr Exil eher ein strategischer Rückzug als eine Flucht ist. Die „kleinen Leute“ wissen, was sich in ihren Heimatländern zementiert, und schließen sich mit den Einheimischen in den Gastgeberländern zusammen. Mehr noch: sie informieren diese umfassend über die realen Ausmaße der Gefahr.

3. Das Buch

GLOBAL DAWN 2

Die Leser folgen in der Reihe „GLOBAL DAWN“ von D. Bullcutter dem Schicksal einer Familie, die sich mutig gegen die Mehrheit stellt und ihren eigenen Pfad beschreitet. Die Dystopie-Reihe zeigt auf spannende Weise, wie Propaganda gesamte Länder unterwerfen und Menschen in willenlose Roboter verwandeln kann. D. Bullcutter spinnt in seinem neusten Streich die Geschichte der Abtrünnigen aus der „GLOBAL DAWN“-Reihe weiter und bringt mit „Transhumanismus“ eine würdige Fortsetzung der Reihe auf den Buchmarkt. D. Bullcutter gelingt es, sich mit Teil zwei, „Transhumanismus“, mit einem wahren Science Fiction-Paukenschlag zurückzumelden. Auch der neuste Band der Reihe hält wieder großes Lesevergnügen, intelligente Gesellschaftskritik und viel Nervenkitzel parat.

Dystopie

4. Die Weiterentwicklung der Dystopie und große Vorbilder

tredition: Haben Sie Vorbilder? Orwell, Shaw und Co?

D. Bullcutter/Diego Tagliabue: Einer jeden „guten“ Dystopie gehört die Verbiegung der Sprache – also der Neusprech – obligatorisch dazu. In diesem Sinne hatte Orwell voll ins Schwarze getroffen. Denn die Sprache ist der passive Träger jedweder Kultur. Der aktive Träger ist der Mensch, der die Sprache spricht und sie somit lebendig hält. Sobald sich ein Regime einer Sprache bemächtigt, herrscht es nahezu widerstandslos über das Volk, ohne dass die meisten Bürger es merken. Denn keine Dystopie installiert sich abrupt, sondern am Ende eines langen, schleichenden Prozesses, der nur gen seine Endphase schneller wird.

Dennoch muss ich Aldous Huxley recht geben. Er bemängelte an Orwells Werk 1984, dass die „wissenschaftlichen Diktatoren der Zukunft“ sich nicht des Terrors bedienen werden, sondern vielmehr die Menschen dazu verleiten werden, ihre Rechte freiwillig an die Obrigkeit abzutreten. Genau das unterscheidet eine Dystopie von einer „klassischen“ Diktatur. Ausgerechnet Huxley zielte auf einen berühmten Autor von Science-Fiction-Romanen ab, der auch für mich das Negativbeispiel schlechthin ist und den ich auch in „GLOBAL DAWN Die Abtrünnigen“ namentlich erwähne: Herbert George Wells. In seinem literarischen Manifest „Things To Come“ („Was kommen wird“) skizziert Wells 1934 eine technokratische, rein fortschrittsgewandte Weltregierung als absoluten Heilbringer. Für Wells ist dies eine Utopie, für Huxley (und für mich) eine Dystopie.

tredition: Sehen Sie sich als politischen Schriftsteller?

D. Bullcutter/Diego Tagliabue: Sofern wir das Adjektiv „politisch“ im etymologischen Sinne des Wortes betrachten, würde ich ja sagen. Politik bedeutet im ursprünglichen Sinne die aktive Beteiligung der Bürger an den Entscheidungen des Gemeinwesens der Polis und hat mit der heutigen „Parteikratie“ wenig zu tun. Die Themen standen im Vordergrund und wurden von den Bürgern meistens unmittelbar, also ohne Vertretung, behandelt. Dieser Zustand sollte meines Erachtens angestrebt werden. In diesem Sinne können Sie mich als politischen Schriftsteller bezeichnen.

tredition: Die Leser folgen in „GLOBAL DAWN“ dem Schicksal einer Familie, die sich mutig gegen die Mehrheit stellt und ihren eigenen Pfad beschreitet. Gibt es so etwas in der Realität zu wenig?

D. Bullcutter/Diego Tagliabue: Leider muss ich diese Frage mit einem klaren Ja beantworten. Die breite Mehrheit neigt dazu, dem Mainstream zu folgen, negative Anzeichen zu ignorieren und Menschen wie diese Familie in meinem Roman als Störfaktor zu empfinden. Ergänzen dazu: dieses Phänomen wiederholt sich jedes Mal, dass sich ein Regime – im engen sowie im weitesten Sinne des Wortes – verfestigt.

Prominente literarische Vorlagen finden wir bereits im Ilias: Kassandra und Laokoon. Doch auch die Figur des Eomer in der Herr-der-RingeTrilogie entspricht diesem Archetypen.

5. Auch mal aufrütteln mit dem eigenen Buch …

tredition:  Wichtige Begriffe Ihres Romans sind Freiheit und Bequemlichkeit, können Sie uns dazu mehr erzählen? Was ist Ihr Ziel, warum haben Sie diesen Roman geschrieben?

D. Bullcutter/Diego Tagliabue: Zwei Meisterwerke des dystopischen Kinos haben mich dazu inspiriert: „THX-1138“ und „Logan’s run“.

Egal ob in einer technokratischen Versklavung wie bei „THX-1138“ oder in einer sorglosen, hedonistischen Freizeitgesellschaft mit vorprogrammierter Lebensdauer wie in „Logan’s run“, entscheiden sich die Protagonisten für die Flucht aus der geschlossenen und vollversorgten Welt. Doch das Leben draußen ist hart, unbequem und deswegen machen Nebenfiguren, die zusammen mit den Protagonisten fliehen wollten, kurz vor Ziel kehrt und ergeben sich wieder freiwillig der Obrigkeit.

In meinem Roman warten die Protagonisten nicht so lange, bis sie nur mit ein paar Klamotten flüchten müssen. Sie ahnen, dass die „Normalisierung“ immer tiefer in das gesellschaftliche sowie in das individuelle Leben eindringt, und wählen ein Leben zwischen Selbstversorgung und Subsistenzwirtschaft, verzichtend auf jedwede High-Tech-Vollversorgung, die sie den totalen Verlust aller Freiheiten und Rechte kosten würde.

Mein erstes Ziel ist, den Lesern zu verdeutlichen, dass Freiheit – heutzutage ein leider zu oft pervertierter und inflationierter Begriff – keine Selbstverständlichkeit ist. Sie wird niemandem geschenkt. Man kämpft um sie. Freiheit ist eben so wie die Luft: man begreift erst dann, dass sie überlebenswichtig ist, wenn sie dünner und dünner wird.

Mein zweites Ziel ist, Menschen dazu zu bewegen, mit dem eigenen Verstand die eigene sowie die globale Situation zu analysieren, damit sie weder der Mainstream-Propaganda noch den leider zuhauf vorhandenen Irrlichtern hinterher laufen.

Zu guter Letzt muss ich an der Stelle noch mal Aldous Huxley paraphrasieren: der Mensch ist weder ein einsamer Wolf noch eine Biene in einem Insektenstaat. Er bildet kleine und etwas größere Einheiten, die zwar eine Abgrenzung zu anderen haben, doch nicht völlig hermetisch geschlossen wie die Monaden ohne Türen und Fenster nach Leibniz sind.

6. Die Erfüllung eines Traumes: Das Schreiben

tredition: „Global Dawn“ ist ihr Debüt, wie wurden Sie eigentlich Romanautor?

D. Bullcutter/Diego Tagliabue:In Zeiten der weltweiten interaktiven Vernetzung durch soziale Netzwerke ist es zwar sehr einfach, (abzüglich der Zensur) seine eigene Sicht der Dinge kundzutun und eine Vielzahl von Menschen außerhalb des eigenen Verwandten- und Bekanntenkreises zu erreichen.
Dennoch ist das elektronische Wort flüchtig. Ihr Bestehen dauert ein paar Minuten, teilweise Sekunden oder etwas länger, abhängig von Klicks, Likes und Weiterleitungen.

Es scheint ein Paradoxon zu sein, aber eine alte römische Weisheit bewahrheitet sich heute mehr denn je: „verba volant, scripta manent.“ Worte fliegen [weg], das Geschriebene bleibt.

tredition: Was lieben/was hassen Sie beim Schreiben?

D. Bullcutter/Diego Tagliabue: Schreiben ist für mich ein reguliertes Ventil: ich bringe meine Gedanken geordnet auf Papier und gebe diese weiter in einer Form, die nicht so schnell wie in einem Gespräch oder in einem Forum in Vergessenheit gerät. Zudem sind fundierte, tiefe Analysen und Darstellungen nur in Büchern – Romanen wie Essays – möglich. Manchmal spielt die Interaktion eine untergeordnete Rolle: ich finde es angebracht, sich manchmal eine Pause zu nehmen und einen distanzierten bzw. differenzierten Blick des alltäglichen Geschehens zu verschaffen. In gewisser Weise hat das Schreiben Ähnlichkeiten mit der Meditation.

Andererseits hat das Festlegen von Gedanken in (geschriebenen) Worten seine immanente Schattenseite. Denn das Wort besitzt grundsätzlich eine gewissen Unschärfe. Aus diesem Grund kann man jedweden Text de facto so auslegen, wie man möchte. Das ist zwar Sophismus, aber man kann böse Geister, die sich einer schwarzen Rhetorik bedienen und alles Geschriebene nach ihren Maßstäben hinbiegen, nicht ausblenden oder ausschalten.

Bedient man sich der Symbolik (auch im Sinne der Allegorie), dann muss man immer Agambens Maxime im Hinterkopf behalten, dass ein Symbol kein bloßes Emblem ist, sondern die Brücke über der Kluft zwischen Wort und Bedeutung.

7. Der Weg zum Leser

tredition: Welche Rückmeldungen haben Sie bisher von Lesern auf Ihr Buch erhalten?

D. Bullcutter/Diego Tagliabue:Die Reaktionen konnten nicht unterschiedlicher sein. Damit meine ich nicht „gut“, „mäßig“ oder „schlecht“, sondern quantitativ sowie qualitativ mannigfaltig. Der eine Leser hatte sich in Details verzettelt und den Überblick verloren. Der Andere war erschreckt und denkt/hofft, dass sich die Realität doch nicht so schlimm wie im Roman entwickeln wird. Ein Dritter vermisste einen festen Protagonisten. Manch anderer glossierte mein Werk als bloße, ungerechtfertigte Kritik an einem System, das bei Weitem nicht schlecht sei und Freiheit, Freude etc. mit sich bringe.
Letztendlich verstanden aber ein paar Leser, dass man die aktuelle Lage und deren mögliche, sehr wahrscheinliche Fehlentwicklungen nicht wegmeditieren und auch nicht mit Anträgen bzw. Petitionen lösen kann. Offen gestanden: darüber habe ich mich gefreut.

tredition: Wie sind Sie zum Self-Publishing gekommen? Und wie sind Sie gerade bei tredition gelandet?

D. Bullcutter/Diego Tagliabue: Ich suchte eine Veröffentlichungsmöglichkeit ohne die vertraglichen und ideologischen Zwänge eines herkömmlichen Verlages. Hauptsächlich aus diesem Grund habe ich mich für das Self-Publishing entschieden.
Danach begann die richtige Kärrnerarbeit: welcher Anbieter? Welche Plattform? Welche Dienstleistungen? Hard & Soft Facts des Anbieters?

Ich bin auf Self-Publishing-Portale gestoßen, die billig im Sinne von Minderwertig sind, und auf andere, die zwar Zusatzleistungen wie Lektorat, Korrektorat einzeln oder teilweise in Paketen mit großen Mindestabnahmen (und hohen Kosten) anbieten und sich mit Zugehörigkeit zu namhaften Verlagsgruppen brüsten, doch in Wirklichkeit nur Auffangbecken für abgelehnte Autoren sind und ein hohes Maß an ideologischer Zensur besitzen. In einem Satz zusammengefasst: „Durch uns kannst Du [eventuell] in der ganz großen Liga spielen, aber nur wenn Du in der vorgegebenen Bandbreite schreibst.“

Letztendlich habe ich tredition entdeckt und positiv überrascht festgestellt, dass sowohl die Standardleistungen (Buchsatz, Uploader, Coverdesigner bzw. Annahme individualisierter Covers) als auch der Service ausgezeichnet sind. Rein unter wirtschaftlicher Betrachtung verdient tredition nicht das Prädikat „good for the money“, sondern „more for the money“.

Noch positiv überraschender waren für mich die Flexibilität des Verlages, die Freundlichkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und zu guter Letzt das professionelle Engagement für einen unkonventionellen Roman wie meinen.

Fundierte, realistische Marketing-Tipps, die keinerlei selbstverständlich und vielen Autoren völlig unbekannt sind, runden das Profil von tredition ab und waren das i-Tüpfelchen für meine Entscheidung.

Diego Tagliabue/ Bullcutter

Diego Tagliabue

8. Die Entwicklung im Buchmarkt: eine Prognose

tredition: Haben es Autoren heutzutage schwerer, weil immer weniger Menschen zum Buch greifen? Wie schätzen Sie wird sich der Buchmarkt in den nächsten Jahren entwickeln?

D. Bullcutter/Diego Tagliabue: Meine Betrachtung ist leider sehr nüchtern, aber sachlich: ja, Autoren haben es schwer, sich am Markt zu etablieren und somit (darum geht es letztendlich) ihre Ideen, Konzepte und Visionen zu verbreiten. Der Buchmarkt weist einen zunehmenden Angebotsüberhang auf: es wird immer mehr geschrieben und immer weniger gelesen. Schuld daran sind – man höre und staune – nicht das angeprangerte, anarchoide Internet, sondern in erster Linie das Desinteresse und das Fernsehen als beliebteste Freizeitbeschäftigung. Anders formuliert: die breite Mehrheit bevorzugt die passive Aufnahme verpackter Informationen. Aktives Denken und Analysieren geraten immer weiter in den Hintergrund. Selbst tiefgreifende alternative Medienkanäle müssen ihr Videoangebot inhaltlich und qualitativ um Einiges herabsetzen, um mehr Gehör zu finden. Vom Lesen sind auch viel zu viele alternativ denkende Menschen noch sehr weit entfernt.

Eine Trendwende ist meines Erachtens nicht in Sicht und ich fürchte, dass wir erstmal die sagenhafte Talsohle erreichen werden, eher immer mehr Menschen die Wichtigkeit des geschriebenen Wortes und der geistigen Spekulation (auch Philosophie genannt) wiederentdecken werden. Zyklen gibt es nicht nur in der Marktwirtschaft.

Zudem muss gesagt werden, dass dieser negative Trend kein rein deutsches Phänomen ist. In Italien zeichnet sich die gleiche Tendenz ab. Vorbei ist die Zeit, in der es zwar viel Kommerzielles gab, doch zumindest die Klassiker eine begrenzte Blütezeit erlebten und zwar auf so eine ungewöhnliche Art und Weise, dass der Konservative Milan Kundera und der Autonome Friedrich Nietzsche lasen.

tredition: Haben Sie im Bereich Veröffentlichung besondere Tipps an andere Autoren?

D. Bullcutter/Diego Tagliabue: Lassen Sie mich bitte mit einem lateinischen Sprichwort angeberisch werden: „Audentis fortuna iuvat!“ Paraphrasiert: trau Dich! Abgesehen von wirklich schlecht geschriebenen Büchern (mit Logikfehlern, ohne schlüssige Handlung etc.) muss sich niemand für die Veröffentlichung seiner Ideen rechtfertigen. Es klingt sehr libertär, ist auch so und ich vertrete diesen Stand der Dinge ohne wenn und aber.

9. Das Marketing …

tredition: Was sind Ihre Erfahrungen im Bereich Marketing? Wie sollte man als Autor an das Marketing für das eigene Buch herangehen?

D. Bullcutter/Diego Tagliabue: Vom direkten Ansprechen von Buchhändlern (seien diese Einzelkämpfer oder Ketten) würde ich einen jeden Autor abraten. Selbst wenn der Autor kein Cecco Angiolieri der Neuzeit ist, stoßt er bei den Entscheidungsträgern (Geschäftsinhabern bzw. Einkäufern) zunehmend auf taube Ohren. Das ist wiederum dem wirtschaftlichen Druck geschuldet, unter dem Buchhändler stehen: sie konzentrieren sich zwangsweise auf sogenannte Zugpferde wie den bekannten Autor von Kassenschlagern bei dem berühmten Verlag.

Wenn schon direkte Ansprache, dann lieber von Bekannten und Freunden. Somit kann der Autor auf analogem Wege erste Leserkreise erschließen und die ersten Eindrücke der Leser über sein Buch gewinnen. Ja, diese können durchaus gefärbt sein, aber der Freund bzw. Bekannte hat wiederum einen Freund bzw. Bekannten, dem er das Buch empfehlen kann.

Die systematische Nutzung der Social Media kann ich nur empfehlen, allerdings nicht als bloßes Posten von Beiträgen wie „Hier ist mein neues Buch“. Der Autor sollte sowohl unter den Postings seiner Freunde als auch in Gruppen punktuell Beiträge und Kommentare suchen, die einen Zusammenhang mit den Inhalten seines Buchs aufweisen, und dort ansetzen.

Darüber hinaus empfehle ich die Nutzung spezifischer Social Media für die Zielgruppe der Leser. Ein Portal wie Lovelybooks ist zwar ungewöhnlicher in der Handhabung als Facebook, Twitter etc., erreicht aber Menschen, die wirklich lesen (heutzutage selten) und stellt allein durch die Leserunden ein nicht zu vernachlässigendes Sprungbrett dar.

tredition: Sie führen auf Ihrer Homepage eine Reihe Merchandise-Artikel. Gehört dies zum Standardrepertoire eines Autors? Was sind Ihre Erfahrungen?

D. Bullcutter/Diego Tagliabue: Eigentlich nicht, zumindest nicht direkt von einem Self-Publisher. I.d.R. sind es große Verlage, die fertig produziertes Merchandise zu einem bestimmten Buch anbieten und meistens erst dann, wenn dieses Buch verfilmt wird.

Merchandise-Artikel – zumindest zum Download und zum Drucken auf Papier – sorgen für die Erweiterung der Reichweite allein durch die Weitergabe. Insbesondere Lesezeichen gehören zu den „Werkzeugen“ eines jeden Lesers. Selbst wenn dieser gerade ein anderes Buch liest, behält er durch das Branding auf meinem Lesezeichen auch meinen Roman im Auge oder zumindest in Aussicht. Zugegeben: bei Buchverlosungen und Leserunden bekommen die erfolgreichen Bewerber nicht nur ein Exemplar meines Romans, sondern auch fertiggedruckte, hochwertige Lesezeichen, Postkarten und Flyer. Die Reaktionen sind bis heute überwiegend positiv.



Diego Tagliabue

Dystopie

10. Die Zukunft…

tredition: Dürfen Ihre Leser sich auf weitere Bücher freuen?

D. Bullcutter/Diego Tagliabue: Zweifelsohne ja. Allerdings will ich an der Stelle weder spoilen noch meinen Lesern die Zähne lang machen. Ein Buch zu schreiben, das meine ersten zwei Romane inhaltlich vervollständigt und abschließt, ist alles andere als einfach und schnell geschrieben. Wer von „GLOBAL DAWN Die Abtrünnigen“ begeistert war und „GLOBAL DAWN 2 Transhumanismus“ im Anschluss gelesen hat, der ahnt sicherlich, dass der Kreis der abenteuerlichen Handlungen und der philosophischen Hintergründe noch größer und komplexer werden wird, eher das Ende kommt.
Grobe Skizzierung und Titel des dritten Teils meiner Trilogie stehen allerdings bereits fest: „GLOBAL DAWN 3 Falsche Sonne“.

Parallel dazu arbeite ich gerade an einem Essay, das die wesentlichen Inhalte meines ersten Romans aus dem abenteuerlichen Rahmen extrapoliert und vertieft. In (negativer) Anlehnung an den von mir bereist zitierten Schriftsteller Herbert George Wells habe ich mich für den Titel „Was war & was kommen wird“ entschieden.

Über den Autor

Diego Tagliabue/ Diego Bullcutter

»Schreiben ist für mich ein reguliertes Ventil: ich bringe Gedanken auf Papier und gebe diese weiter in einer Form, die nicht so schnell, wie in einem Gespräch oder in einem Forum in Vergessenheit gerät. Zudem sind fundierte, tiefe Analysen und Darstellungen nur in Büchern – Romanen wie Essays – möglich.«