Der Kreuzfahrtinsider Wolfgang Gregor packt aus

Wolfgang Gregor sw

Der ehemalige Seemann und heutige Journalist hat nach langjähriger Recherche in seinem aktuellen Sachbuch seine Entdeckungen zur Kreuzfahrtbranche enthüllt.

Wolfgang Gregor ist ursprünglich Seemann und Inhaber des Patentes “Kapitän auf großer Fahrt“. Seit 2014 ist er als freier Journalist mit Fokus auf Nachhaltigkeit und die Kreuzfahrtindustrie tätig. In seinem Buch „Der Kreuzfahrt-Komplex“ durchleuchtet der langjährige Kapitän und Buchautor die Kreuzfahrtindustrie kritisch. Im Mittelpunkt seines Sachbuches stehen aktuelle Enthüllungen, welche die Risiken und Mechanismen sowie die wirtschaftlichen Zusammenhänge dieser global agierenden Industrie aufzeigen und deren gesellschaftliche Verantwortung in Frage stellen. Darin beschreibt Gregor die Sicherheit der Passagiere, die Ausbeutung von Besatzungen aus Drittweltländern, massive Umweltschädigungen und die Flucht der Kreuzfahrtanbieter vor Steuern. Dabei deckt er auch mangelnde Transparenz gegenüber den Passagieren auf.

In einem packenden Interview mit dem ehemaligen Seemann erfahren wir,  was hinter diesen Enthüllungen steckt, wie Vertreter der Branche auf sein Buch reagiert haben  und wie ihm recht schnell eine erfolgreiche Medienplatzierung gelang.

Es war mir von Anfang an klar, dass mein Buch für die Kreuzfahrtindustrie ein Dorn im Auge sein muss und entsprechend habe ich mit Gegenreaktionen und Widerstand gerechnet.

tredition: Lieber Wolfgang Gregor, Sie fordern Passagiere, Politik und Gesellschaft in Ihrem packenden Sachbuch „Der Kreuzfahrtkomplex“ auf, kritischer mit dem Phänomen Kreuzfahren umzugehen. Worum geht es genau in Ihrem Buch?

Wolfgang Gregor: Es handelt sich um das erste Buch, welches als Enthüllungsstory die dunklen Seiten der Kreuzfahrtindustrie aufdeckt. Dabei zeige ich an Beispielen die Verfehlungen dieser Industrie auf und stelle deren gesellschaftliche Verantwortung in Frage. Hin und wieder habe ich auch gelobt – aber eher selten.

 

Der Kreuzfahrtkomplex

Bild: Covere „Der Kreuzfahrtkomplex“ von Wolfgang Gregor

 

tredition: Sie sind selbst ursprünglich Seemann gewesen, wie kommt es zu dieser 180-Grad-Wendung? Wann gab es den Moment, an dem Sie vom Seemann zum Kritiker wurden?

Wolfgang Gregor: Zum Kritiker dieser Industrie wurde ich nicht als Seemann, sondern als Passagier auf Kreuzfahrtschiffen. Ich hatte völlig vorurteilsfrei einige Kreuzfahrten gemacht, bis ich merkte, dass sich die Betreiber der Schiffe ihrer gesellschaftlichen Verantwortung völlig entziehen. Es hat dann noch einige Zeit gebraucht, bis ich den Entschluss fasste ein Buch zu schreiben und mit den Recherchen begann.

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Bild: In einer boomenden Branche leiden unter zunehmend schlechten Bedingungen vor allem die Mitarbeiter aus den Entwicklungsländern – und die Umwelt.

tredition: Sind persönliche Erfahrungen aus Ihrem eigenen Berufsleben in das Buch eingeflossen?

Wolfgang Gregor: Klar, die Kombination aus Seemann und später über 25 Jahre als Manager in einem multinationalen Konzern haben mir die notwendige Erfahrung und Sicherheit gegeben den Kreuzfahrtkonzernen auf Augenhöhe zu begegnen. Ich kenne die Prozesse und Strukturen großer Konzerne und sie sind für mich berechenbar. Darüber hinaus verstehe ich die Zusammenhänge zwischen den Notwendigkeiten im Schiffsbetrieb und deren wirtschaftlichen Abwägungen.

Die Branche wird weiter boomen und bald wir es massive Überkapazitäten geben, weil immer mehr Schiffe und immer größere Schiffe auf den Markt kommen. Das wird zu einem gnadenlosen Wettbewerb und damit zu schlechtem Massentourismus führen.

tredition: Sie schreiben über die Sicherheit der Passagiere, die Ausbeutung von Besatzungen aus Drittweltländern, massive Umweltschädigungen und die Flucht der Kreuzfahrtanbieter vor Steuern. Was ist Ihrer Meinung nach die Zukunft der Kreuzfahrtbranche, was sollte getan werden?

Wolfgang Gregor: Die Branche wird weiter boomen und bald wir es massive Überkapazitäten geben, weil immer mehr Schiffe und immer größere Schiffe auf den Markt kommen. Das wird zu einem gnadenlosen Wettbewerb und damit zu schlechtem Massentourismus führen. Darunter werden in erster Linie die Mitarbeiter aus den Entwicklungsländern und die Umwelt leiden. Die Kreuzfahrtveranstalter werden aber auch weiterhin ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht nachkommen, da sie „quasi vogelfrei“ unter den Deckmänteln dubioser Flaggenstaaten agieren. Da helfen aus meiner Sicht nur objektive Berichterstattung, kritische Verbraucher und letztlich staatliche Regulierung.

Wolfgang Gregor Schiffe

„Der Kreuzfahrtkomplex“ setzt sich sachlich und kompetent mit den Schattenseiten der Kreuzfahrten auseinander.

tredition: Welche Reaktionen gab es auf das Buch, gerade aus der Branche? Hat man Sie als Nestbeschmutzer bezeichnet?

Wolfgang Gregor: Ein verantwortlicher Kreuzfahrtlobbyist hat das Buch angeblich nur auszugsweise gelesen und war enttäuscht. Damit kann ich bestens leben. In einigen Blogs gab es ein paar völlig inhaltsfreie negative Kommentare. Überwiegend gab es jedoch breite Zustimmung.

tredition: Sie haben Ihren Schritt David gegen Goliath noch nicht bereut?

Wolfgang Gregor: Es war mir von Anfang an klar, dass mein Buch für die Kreuzfahrtindustrie ein Dorn im Auge sein muss und entsprechend habe ich mit Gegenreaktionen und Widerstand gerechnet. Entsprechend hat mich folgender Kommentar in der Welt am Sonntag bestärkt: „… Gregors Buch jedoch ist nicht reißerisch, der Ton bleibt durchgehend sachlich und sachkundig. Es ist ein notwendiger Beitrag angesichts der großen und weiter wachsenden Marktmacht der Kreuzfahrtwirtschaft.“

tredition: Sie arbeiten mittlerweile als Journalist, der Weg zum Schreiben kam also natürlich?

Wolfgang Gregor: Ich hatte in den letzten Jahren immer wieder Artikel verfasst und für einige Blogs und Organisationen geschrieben. Dabei handelte es sich fast ausschließlich um Themen aus der Entwicklungszusammenarbeit. Das ist meine große Leidenschaft, der ich viel Zeit widme. Mit dem Kreuzfahrtkomplex wuchs dann auch mein Vertrauen, dass ich journalistisch mehr machen kann. Mal sehen, wie weit mich das führt. Auf der Liste der „großen Journalisten“ wird man mich heute jedoch noch nicht finden.

Wolfgang Gregor

Wolfgang Gregor ist ehemaliger Kapitän und arbeitet heute als Journalist zum Thema Nachhaltigkeit und Kreuzfahrtbranche.

tredition: Was birgt mehr Abenteuer, das Zurseefahren oder das Autorenleben?

Wolfgang Gregor: Die Seefahrt habe ich von der Pike auf gelernt. Ich musste dafür studieren und ein Kapitänspatent machen. Das Schreiben und dabei vor allem die Anerkennung als Autor und Journalist musste ich mir durch Eigenakquisition und vor allem Hartnäckigkeit verdienen. Ich wurde häufig schief angeschaut, wenn ich auf meiner Visitenkarte oder E-Mail Signatur nicht auf einen großen Verlag oder eine Zeitschrift verweisen konnte. Dabei habe ich selber oft neidisch auf die großen Namen der Branche geschaut, mit denen ich es heute zu tun habe. Das waren völlig neue Erfahrungen aber letztlich auch eine spannende Zeit.

tredition: Ihr Buch ist erst kürzlich erschienen und wurde schon von vielen Publikationsmedien wie die Welt am Sonntag oder DIE ZEIT besprochen. Wie sind Sie an die Vermarktung Ihres Titels herangegangen?

Wolfgang Gregor: Ganz systematisch. Die Kontakte zu Zeitungen, Magazinen und öffentlich rechtlichen Medien habe ich selber recherchiert. Die wesentliche Frage war immer, wer für das Thema zuständig ist. Das ist eine Fleißarbeit, die sich aber lohnt. Ich habe jeden meiner Bekannten gefragt, ob er jemanden kennt, der wiederum jemanden kennt – und so weiter. Hatte ich den Kontakt zum Lokalteil einer Zeitung, dann habe ich den Redakteur gleich gebeten, mich der überregionalen Organisation zu empfehlen. Wichtig ist auch eine frühzeitige Identifizierung der möglichen Multiplikatoren. Die genaue Analyse des eigenen Netzwerkes brachte mir letztlich erstaunliche und extrem hilfreiche Kontakte.

Die Vorstellung in den Blogs hat über tredition sehr gut geklappt. Hinzu kommen eine Homepage des Buches und professionell erstellte Flyer, Poster oder Postkarten, die ich strategisch verteilen ließ. Für sehr wichtig halte ich die Verteilung von Rezensionsexemplaren. Zusätzlich zu tredition habe ich proaktiv über hundert Bücher mit zum Teil persönlichen Anschreiben verteilt. Ich hoffe, dass mein Buch damit mindestens ein halbes Jahr in den Medien zu finden sein wird.

Auch die Vorstellung, dass ein Buch kostenlos geschrieben und vermarktet werden kann, ist reines Wunschdenken.

Wolfgang Gregor Presse

Bild: Wolfgang Gregor stellt sein Buch bei einem Vortrag in Hamburg im Rahmen einer Presseveranstaltung vor.

tredition: Sie haben auch schon eine Presseveranstaltung organisiert. Wird es weitere Veranstaltungen geben?

Wolfgang Gregor: Reine Presseveranstaltungen habe ich nicht organisiert. Jedoch einige Vorträge mit Pressebeteiligung und davon plane ich weitere in den nächsten Wochen. Ich wurde mittlerweile auch von einigen Universitäten und Organisationen angesprochen und eingeladen. Von Lesungen halte ich bei Sachbüchern nicht viel – das bleibt den „Belletristikern“ vorbehalten. Ich wirke authentischer bei Vorträgen in denen ich die Zuhörer einbinden und mitnehmen kann. Das muss aber jeder für sich selber entscheiden.

tredition: Was können Sie Mitautoren empfehlen?

Wolfgang Gregor: Ich bin mir nicht sicher ob es eine „one size fits all“ Lösung gibt und traue mir keine Empfehlung für die Belletristik zu. Bei Sachbüchern sollte aus meiner Sicht immer ein sauberes Eigenmarketing und Vermarktungskonzept vorliegen, bevor man mit dem Schreiben beginnt. Auch die Vorstellung, dass ein Buch kostenlos geschrieben und vermarktet werden kann, ist reines Wunschdenken. Und Rückschläge sind immer einzuplanen, denn viele der initiierten Werbemaßnahmen sind oftmals umsonst, aber meistens nie kostenlos.

tredition: Wie kam es zu Ihrer Entscheidung für eine Veröffentlichung im Self-Publishing-Verlag und warum gerade für tredition?

Ich hatte das Angebot eines großen Verlages, welches jedoch völlig unflexibel war. Das fing bereits mit dem Erscheinungstermin an, der erst im dritten Quartal 2017 sein sollte. An tredition schätze ich die Flexibilität aber auch die Professionalität der Mitarbeiter.

tredition: Dürfen Ihre Leser sich auf weitere Bücher von Ihnen freuen?

Wolfgang Gregor: Konkrete Pläne habe ich nicht, obwohl ich immer mal eine Enthüllungsstory über NGO’s schreiben wollte. Dafür sammle ich seit einigen Jahren Informationen. Im Rahmen meiner Aktivitäten in der Entwicklungszusammenarbeit bin ich speziell in Afrika auf viele Scharlatane gestoßen, die ihrer Branche keine Ehre machen. Namen wie zum Beispiel den NABU, Greenpeace, Brot für die Welt oder die DUH würde man da jedoch nicht finden – das sind die Guten. Vielleicht gibt es aber auch irgendwann eine Fortsetzung des Kreuzfahrtkomplexes.

 

tredition: Lieber Herr Gregor, wir danken Ihnen herzlich für das informative Interview und wünschen Ihnen für Ihr Erstlingswerk weiterhin viel Erfolg!

1 Antwort
  1. W. G. A. Knobloch says:

    Werde mir auf jeden Fall das Sachbuch kaufen, denn das Thema ist für mich von großem Interesse. Ich freue mich, dass ein absoluter Fachmann, der Herr Gregor ist, sich dieses Themas angenommen hat. Auch ich stehe der Kreuzfahrtindustrie skeptisch gegenüber. Wenn ich allein an Venedig denke, an die Masse der dort ankernden Schiffe und die damit verbundene tägliche Überflutung der Stadt durch ein Touristenheer, dann frage ich mich, wo das alles noch hinführt. Eine gesunde Entwicklung ist das meiner Meinung nach jedenfalls nicht. In diesem Zusammenhang interessiert mich natürlich, welche Umweltschäden die Masse der Kreuzfahrtschiffe hervorrufen und wie man dieser Entwicklung Einhalt gebieten kann.

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