„Mit den Wellen“ von Jens Larsen sollte nur ein kurzes Logbuch werden, wie es auf Schiffen geführt wird, sachlich und knapp. Vor allem sollte seine Biographie die Frage seiner Söhne beantworten können: „Was hat der Alte eigentlich alles so gemacht?“ Beim Schreiben und der Zusammenstellung der einzelnen Episoden und Anekdoten aus dem Seemannsleben wurde dann aber aus dem Logbuch schnell eine biografische Novelle mit abenteuerlichen Zügen. Als Kapitän segelte Jens Larsen auf Schiffen jeder Größe vom Fischkutter bis zu Fischfangfangfabriken. Auf allen Meeren war Kapitän Jens Larsen dabei zu Hause und kann einiges Seemansgarn erzählen. Der „deutsche Seewolf“ stammt aus Hamburg – wie tredition! Kein Wunder, dass es ein besonderes Vergnügen für die tredition-Redaktion war, allein schon aus Lokalpatriotismus, mit dem Hamburger Autor ein Autoreninterview zu führen.

Als Offz. in der Fischerei mit Positionen mit Decca bestimmend_Haupt

Das Autoreninterview mit Jens Larsen

Erfahren Sie im Interview alles über:

  1. Vom Kapitän zum Biographen – Hier erfahren Sie, warum Jens Larsen sich zum Schreiben einer Biographie entschieden hat
  2. Einen Hamburger Jung zieht es in die Welt – mehr über den Hintergrund des Seewolfs Jens Larsen
  3. Das Buch  – „Mit den Wellen“
  4. Zwischen Seefahrtsromantik und -mythos – über Schein und Sein von Seefahrtsbüchern
  5. Über die Abenteuer eines Kapitäns – Von Vergangenheit und abenteuerlichen Ereignissen im Kapitänsleben
  6.  Von großen Vorbildern und anderen Seewölfen – Vom Schreiben und Vorbildern
  7. Zwischen Marketing und neuen BuchprojektenWas hat Jens Larsen in Sachen Marketing gemacht und wie sieht seine Zukunft als Autor aus?

Jens Larsen im Wortlaut

Jens Larsen Wandtteller

1. Vom Kapitän zum Biographen

tredition: Lieber Herr Larsen, Sie haben kürzlich Ihr Buch „Mit den Wellen“, eine autobiographische Erzählung aus dem Leben als Kapitän, bei tredition veröffentlicht. Wie kam es zur Überlegung aus den eigenen Erfahrungen ein Buch zu machen?

Jens Larsen: Ich wollte meinen 3 Söhnen einen Einblick in mein früheres Leben geben. So in Form eines Schiffslogbuches. Erstaunlicherweise reihte sich Wort an Wort – ohne dass ich mir dabei allzu große Mühe gab. Ich schrieb einfach. Der Gedanke, ein Buch daraus zu erstellen, kam mir erstmals, als ich mit drei ukrainischen Ingenieuren auf einer kleinen Geburtstagsfeier als Supercargo einer englischen Firma in der Offiziersmesse saß. Die Drei hatten ihre akademische Befähigung an der russischen Seefahrt-Akademie erworben. Wie so viele wollten sie von mir ein kleines „Histörchen“ aus meiner Vergangenheit hören. Ich erzählte gerne und sie hörten gespannt zu.

tredition: Mit 14 Jahren begannen Sie als Schiffsjunge auf einem Finkenwerder Fischkutter. Würden Sie heute noch einmal alles genauso machen?

Jens Larsen: Ganz klar „NEIN“ – und ich würde es auch niemandem empfehlen wollen. Heute gibt es komfortablere Wege zur erfolgreichen Laufbahn in der Seefahrt. Und so oder so, die Standards muss jeder lernen. Heute noch umfangreicher als früher. Aber die frühen speziellen Erfahrungswerte, die ich auf meinem unorthodoxen Weg durch die Fischerei und das damit spielerisch erlernte Umgehen mit Schiffen erwarb sowie die besondere Sensibilität, die damit verbunden war, haben mir in meinen späteren Berufsjahren gute Dienste geleistet.

2. Einen Hamburger Jung zieht es in die Welt

tredition: Sie sind wie tredition aus Hamburg. Hat es Sie immer wieder in die Hansestadt gezogen oder konnten Sie sich auch ein Leben außerhalb Hamburgs, in einer der fremden exotischen Städte, die Ihr Schiff angesteuert hat, vorstellen?

Jens Larsen: Ich hätte überall leben können, aber Hamburg ist meine Heimat. Hier fühle ich mich zu Hause. Zum Glück ist Hamburg eine der schönsten und aufregendsten Städte der Welt. Aber das ist bei heimatlichen Gefühlen ja nebensächlich.

tredition: Ihr Buch versammelt die fesselndsten und unglaublichsten Geschichten aus den Häfen und den Meeren dieser Welt – von der Arktis bis Australien. Wo haben Sie am liebsten angelegt?

Jens Larsen: In Australien – speziell als ich nach 14 Jahren als Kapitän auf einem schönen weißen Kühlschiff (Foto oben) dorthin zurückkehrte und einige meiner Bekannten noch antraf, die ich auf mein Schiff einladen konnte. Keiner hätte sich vorstellen können, mich in einer solchen Position wieder zu treffen. Wir verbrachten schöne Stunden und schwelgten in gemeinsamen Erinnerungen. 

Besonders beliebt war bei mir auch der tiefe Süden der USA. Texas, Louisiana usw. haben ihren besonderen Charme, hinsichtlich ihrer Städte und der Lebensart der Menschen. Sehr gerne bin ich auch in Süd-/Ostasien, beispielsweise Saigon gewesen, wo ich immer nette Bekannte wiedersehe, die sich darüber genauso freuen wie ich. Ein bevorzugtes Anlandegebiet war immer Südamerika, z.B. Argentinien und Uruguay. Es ist schlicht festzustellen, dass man am liebsten dort ist, wo man liebe Menschen kennengelernt hat. Das hat im Allgemeinen nichts mit der Attraktivität der Häfen zu tun. Schöne Plätze gibt es zu Hauf, überall auf der Welt und auch die Flüsse und der weite Ozean haben ihre besondere Schönheit.

Jens Larsen die Anfänge

3. Das Buch

Mit den Wellen

Die meisten Menschen haben sehr romantische und teils unrealistische Vorstellungen darüber, wie das Leben eines Kapitäns aussieht. Die Autobiografie „Mit den Wellen“enthüllt die Realität des Seemannslebens. Kapitän Jens Larsen präsentiert darin im Stil eines Logbuches die fesselndsten und unglaublichsten Geschichten aus den Häfen und den Meeren dieser Welt – von der Arktis bis Australien. Mit 14 Jahren begann er als Schiffjunge auf einem Finkenwerder Schiffskutter und lernte die See kennen wie kein Anderer. Kurz und knapp erzählt er in purer Seemanssprache das aufregende und wechselhafte Leben eines Mannes des Meeres.

Wandteller - Kapitän Jens Larsen auf Kühlschiff MS Nektarinecore in Japan

4. Zwischen Seefahrtsromantik und -mythos

tredition: Wo würden Sie nie wieder hin?

Jens Larsen: Es gibt keinen Platz auf dieser Welt, wo ich nicht wieder hinfahren würde. Selbstverständlich würde ich Kriegsschauplätze der Gefahr wegen meiden. Bin aber auch schon dort gewesen.

tredition: Leser erhalten in „Mit den Wellen“ einen authentischen Einblick in den Alltag eines Berufs, dessen Bild aufgrund von Fernsehserien, Filmen und Romanen oft vollkommen falsch in den Köpfen verankert ist. Was würden Sie gern geraderücken?

Jens Larsen: Vorrangig finde ich es gut, dass dieses Genre in den Medien so umfangreich etabliert ist. Selbst ich schaue mir solche Filme an – am liebsten natürlich Piratenfilme. Eher nicht das Traumschiff und Ähnliches.  Das sind Phantasiegeschichten, aber sie regen die Zuschauer an und amüsieren sie. Nicht umsonst haben die Passagierschiffreedereien so regen Zulauf. Auch eine Form von Seefahrt. Wenig gibt es über die Frachtschifffahrt zu sehen. Ist ja heutzutage auch eher langweilig. Wenig attraktive Schiffe und kurze Liegezeiten – keine Spur von Seefahrtromantik. Einige interessante Dokumentationen über die Fischerei habe ich sehen können.

Nach meiner aktiven Zeit habe ich einige Romane gelesen und versucht, sie zu interpretieren. Es ging klar daraus hervor, dass die Protagonisten/Autoren selbst diese unwirtlichsten Teile der Weltmeere befuhren. Grundsätzlich stellt sich die Frage: Wie soll man als branchenfremder Autor einen Roman aus der Seefahrt schreiben? „Recherchieren?“ – wäre ziemlich schwierig. Daher geht man nach der Prämisse, wie viel Vergnügen bereitet es dem Zuschauer oder Leser, das Produkt zu konsumieren.  

5. Über die Abenteuer eines Kapitäns

tredition: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass diese andere Welt, die Sie schildern, heute kaum noch existiert. Bedauern Sie das?

Jens Larsen: Nur zum Teil. Zeiten ändern sich, auch in der Seefahrt. Wenn man „Mit den Wellen“ liest, kann man dem einiges entnehmen, was auch noch in die heutige Zeit nachwirkt.

Zum Beispiel: Wenig erfolgreiche Organisationen zur Regulierung der Hochseefischerei, wie von meinem damaligen Kapitän in Kapitel 1 meines Buches angeprangert.        

Um mich den vergangenen Zeiten wieder näher zu bringen, fahre ich gelegentlich an den Kapitäns-Häusern der „Tran-Allee“ vorbei zum Ex-Anlegeplatz des Kutters „H.C.N.“. Dort pflückte ich seinerzeit wilde, hübsche Blumen (Wasserfenchel). Diese Wasserfenchel gibt es dort nicht mehr. Heute beeinflussen diese seltenen Pflanzen die Elbvertiefung.

tredition: Kann sich ein Leser überhaupt noch vorstellen, dass sich solche Geschehnisse in der Jetztzeit abspielen könnten?

Jens Larsen: Wohl kaum. Alles geschah unter den speziellen Gegebenheiten. Rückblickend wurde es tatsächlich mal höchste Zeit, alles aufzuschreiben, damit diese Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten.

tredition: Was war das aufregendste Erlebnis in Ihrer Kapitänslaufbahn?

Jens Larsen: Als ich in Passajes/Spanien im Büro des Stahlproduzenten und Schiffsagenten für mein saudi-arabisches Schiff die zu übernehmende Stahlladung und deren Sicherung deklarieren wollte und der Zoll anrief, um mir mitzuteilen, dass jetzt eine Hundertschaft der Spezial Polizei (cuerpo de policia ) beordert würde, da meine 38 Mitglieder zählende Besatzung bis auf einen ägyptischen Funkoffizier von einem einzigen Mann (ein Kadett) von Bord gejagt wurde; wie sich später herausstellte, handelte es sich um einen Guerilla-Leutnant einer Befreiungs-Armee. Alle standen an der Pier und fürchteten sich. Ich wollte das allerdings allein regeln und wünschte keine Polizei. Und ich regelte alles allein. Wie, habe ich im Kapitel „Der Terrorist“ geschildert.

Jens Larsen Seemann Seefahrt

Jens Larsen

6. Von großen Vorbildern und anderen Seewölfen

tredition: Gab es Vorbilder beim Schreiben, Jack London und Co?

Jens Larsen: Bei den Amerikanern hatte ich den Spitznamen „Wolf Larsen“. Ohne mich vorher gekannt zu haben, begrüßten mich in meiner Funktion als freiberuflicher Supercargo einige russische Kapitäne mit „Hallo Seewolf Larsen“. Sie meinten wohl neben der Namensähnlichkeit einige „Übereinstimmungen“ aus dem Werk entnehmen zu können.

Auch zu den Werken Graf von Luckners lassen sich Ähnlichkeiten mit meinen „Histörchen“ feststellen: Die bereits zuvor von mir erwähnten ukrainischen Seeleute, welche meine „Histörchen“ anhörten, hatten als Studenten an der Seefahrtakademie die Bücher „Graf von Luckners“ gelesen und wiesen mich darauf hin.

tredition: Wie lange haben Sie an Ihrem Buch geschrieben?

Jens Larsen:  Jahre, ich habe sie nicht gezählt. Immer mal wieder. Meistens schrieb ich die Ereignisse in der Ecke meines Wintergartens in mein Nokia-Handy hinein. Sehr gern hörte ich dabei den „Fliegenden Holländer“ von Wagner. Aber auch bei Kontrollaufgaben, bei denen ich oft Stunden im Auto zubrachte, vertrieb ich mir mit Schreiben die Langeweile.

Bei einigen heftigen Stürmen, welche die Bäume vor meinem Haus ins Wanken brachten, sinnierte ich „Du hast es nicht geschafft, mein Schiff in die Brandung und Felsen zu schmeißen – immer bin ich dir zuvor gekommen- wenn auch manchmal sehr knapp.“ Danach fuhr ich oft nach Finkenwerder zum Stak, wo alles begann, aber weder roch es dort noch nach Netzen und Teer noch vermochte ich den „Duft der weiten Welt “ wahrzunehmen. Dort schrieb ich im Auto auch meine letzten Erinnerungen in mein Handy. Bis dahin dachte ich nicht daran, ein Buch zu veröffentlichen.

7. Zwischen Marketing und neuen Buchprojekten

tredition: Wie kam es zu Ihrer Entscheidung für eine Veröffentlichung im Self-Publishing-Verlag und warum gerade für tredition?

Jens Larsen: Da ich vermutete, dass mir eventuell die Zeit davonlaufen würde, wand ich mich nach Recherche im Internet an einen Verlag in Süddeutschland. Dort wollte man das Buch sehr gerne verlegen. Nach einigen Gesprächen mit dem Verleger hatte ich jedoch den Eindruck, dass meine Erzählungen im Süden nicht den richtigen Platz finden könnten. Es musste ein Verleger aus einer Hafenstadt sein, der am besten an der von mir viel befahrenen Elbe liegt und Nähe zum Meer hat. Den fand ich dann,- „tredition“ in meiner Heimatstadt Hamburg. Die Autorenberatung war großartig und half mir das Buch in die richtige Form zu bringen. Das Foto von meinem Schiff mit der Welle des Covers wurde mit seemännischem Empfindungsgefühl einer Ihrer Beraterinnen hervorragend eingepasst. Mit dieser Wahl hatte ich den Nagel auf den Kopf getroffen.

tredition: Welche Marketingmaßnahmen haben Sie für Ihr Buch bereits vorgenommen? Gab es einen Marketingplan?

Jens Larsen: In meinem Verwandten- und Bekanntenkreis aus verschiedensten Berufs- und Gesellschaftsschichten hat das Buch großen Anklang gefunden. Das macht Hoffnung, dass auch andere Vergnügen am Lesen des Buchs finden

tredition: Haben Sie als Autor Blut geleckt? Wird es weitere Werke von Ihnen geben oder bleibt es bei „Mit den Wellen“?

Jens Larsen: Ja, Ihre Kompetenz und Resonanz hat mir Mut gemacht. Ich hatte schon begonnen, ein weiteres Buch zu schreiben. Nur zum Teil sind es diesmal eigene Erfahrungen, hauptsächlich Erzählungen weniger Seeleute die ich persönlich kannte. Einiges wird fiktiv sein, da ich mir aus eigenen Erfahrungen vorstellen muss, wie Dinge sich entwickelten. Schreiben macht Spaß, aber erst einmal möchte ich abwarten, welchen Anklang „Mit den Wellen“ findet. Schreiben soll bei mir nicht der Bewältigung von Langeweile dienen. 

tredition: Lieber Herr Larsen, wir danken sehr für das Seemansgarn!

Jens Larsen privat

Über den Autor

Jens Larsen

Jens Larsen erwarb die Befähigung zum Kapitän in Großer Hochseefischerei und damit die Berechtigung vom Fischkutter bis zu Fischfangfangfabriken Schiffe jeder Größe auf allen Meeren zu führen. Ferner die Befähigung zum Kapitän auf Großer Fahrt berechtigt zur Führung von Schiffen aller Typen jeder Größe weltweit. 2018 legt er in seinem Debüt „Mit den Wellen“ Zeugnis der Erlebnisse auf hoher See ab.