Wolfgang Zeitler: „Nichts berührt so sehr wie Musik“

Wolfgang Zeitler

Musikwissenschaftler und seit Kurzem auch Fachbuchautor bei tredition: Wolfgang Zeitler

Sie sind von klassischer Musik fasziniert, möchten Sie aber tiefer verinnerlichen und besser verstehen? Oder sind Sie gar so berührt von einem Musikstück, dass Sie diese Leidenschaft gerne mit anderen Menschen teilen möchten? Auch oder gerade, wenn Sie gar keine Noten lesen können? Dann werden Sie von Wolfgang Zeitlers Werk „Bruckner verstehen  – eine Offenbarung für Hörer“ begeistert sein.

CD-Spieler, Papier, Bleistift und Buntstifte – das sind die Werkzeuge mit denen Wolfgang Zeitler, Spezialist für Musiktherapie und Musikmeditation, in ebenso fachlich anspruchsvoller wie liebevoller Art und Weise die Symphonien I bis IV von Anton Bruckner analysiert hat. Für jedne Laien verständlich und gerade deshalb so faszinierend. Im Interview mit tredition spricht der Autor über seine Leidenschaft für Bruckner und die Kraft, die von Musik ausgeht.

tredition: Sehr geehrter Herr Zeitler, erst einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Neuveröffentlichung. Wie fühlt es sich an, ein Buch im gesamten deutschen Buchmarkt veröffentlicht zu haben?
Wolfgang Zeitler: Danke. Es beflügelt mich und macht mich stolz. Und da ist so ein leises Kribbeln, eine Art Hoffnung, dass das Buch Anerkennung findet.

tredition: Ihr Werk widmet sich den Symphonien Bruckners. Wann entstand Ihre Faszination für seine Musik?
Wolfgang Zeitler: Das war vor 30 Jahren, im Spätsommer 1985, als ich in Seminaren mit Prof. George Balan die Fünfte Symphonie von Anton Bruckner hörte und erlebte. Diese Musik drang in meine Zellen und löste in mir beglückende und erschreckende Reaktionen aus. Nächtelang arbeiteten einzelne Stellen der Musik in mir, sich pausenlos wiederholend. Ich war wie berauscht und gleichzeitig fasziniert. So etwas hatte ich einige Jahre zuvor erst ein einizges Mal erfahren, durch Händels „Messias“. Dass das auch mit Musik ohne Text gehen kann, war absolut neu für mich.

tredition: Sie analysieren Bruckners Symphonien 1 bis 4 auf eine Art, die auch musikwissenschaftlichen Laien den Zugang zur Musik ermöglicht. Wie gelingt das?
Wolfgang Zeitler:
Ich benutze keine Noten, niemals, auch nicht für meine persönliche Forschung. Eigentlich tue ich nichts anderes, als der Laie auch: die Musik hören und nicht fertige Noten lesen. Meine Werkzeuge sind CD-Spieler, Kopfhörer, Papier, Bleistift und Buntstifte. Ich belausche kleinste Abschnitte wieder und wieder, bis ich den Verlauf der Töne klar aufzeichnen kann, Punkte, Striche, Linien. So entsteht eine primitive Notation, ähnlich wie in den Anfängen der Gregorianik oder anderer früher Musik. Die kann jeder Laie nachvollziehen. Symphonische Musik ist ungeheuer komplex. Ich verfolge nur die Hauptstimme, in mehreren Durchgängen manchmal auch eine auffällige Hintergrundlinie oder den Bass. Dieser sichtbare Extrakt aus dem Meer von Tönen und Klängen gibt dem Hörer einen Halt, ein Gerüst. Und ich rede in der Sprache des Hörers. Notwendige und sinnvolle Fachbegriffe erkläre ich.

Auszug aus dem Buch: Bildliche Darstellung (Melomorphose) des 1. Satzes (Allegro) der 1. Symphonie von Anton Bruckner

tredition: Die tiefgehenden Analysen Ihres Buches lassen vermuten, dass es lange dauerte, bis es komplett fertig war, oder?
Wolfgang Zeitler:
Ja, das braucht Geduld und Beharrlichkeit, und vielleicht ein Stück weit „Verrücktsein“ mit dieser Musik. Das ist wie mit dem Spaten ein Stück Garten umgraben. Stich für Stich, Reihe um Reihe. Etwa zwei bis drei Stunden dranbleiben ist gut. Manchmal reicht das gerade für zwei bis drei Minuten Musik. So dauert es bei mir Monate und Jahre, bis ich mit einer Symphonie von Bruckner „durch“ bin. Und ich muss es auch verkraften, innerlich verarbeiten. Und natürlich diese kostbare Zeit im Alltag ermöglichen. Für diesen ersten Band habe ich zehn Jahre gebraucht. Die Fortsetzung wird hoffentlich etwas zügiger gelingen…

tredition: Wie haben Sie die detailreichen graphischen Darstellungen erstellt?
Wolfgang Zeitler:
Von Hand. Die Analyse zeichne ich mit dünnem Filzstift, scanne es und bette es in Word ein. Dann schreibe ich den Text dazu. Die Melomorphose zeichne ich mit Bleistift vor, dann mit dickem Filzstift, dann den Bleistift wegradieren, und dann viele Durchgänge mit dünnen Stiften, Korrekturen mit TippEx. Die farbigen Schraffuren entstehen mit flachgehaltenen Buntstiften, das Blatt lege ich dazu auf die Fläche eines Alukoffers.

tredition: Sie bieten Seminare zum besseren Verständnis von Musik und Musiktherapie an. Welche Wirkungen lassen sich dabei mit Musik erzielen?
Wolfgang Zeitler:
Das wäre Anlass für einen Vortrag… Um es kurz zu sagen: Musik kann den Menschen so tief im Innersten berühren wie nichts anderes sonst in dieser Welt. Kein Mensch, auch nicht der Geliebte, auch nicht der einfühlsamste Therapeut, darf einen anderen Menschen so in seinem Wesenskern berühren wie die Musik. Ich habe hier unglaubliche Erfahrungen gemacht in der Arbeit mit Menschen im Wachkoma, in der Sterbebegleitung und in Meditationsseminaren. Die Wirkungen sind so reichhaltig wie die konkreten Situationen. Musik belebt oder beruhigt. Sie beschwingt und erheitert oder sie tröstet und entspannt. Mit Musik kann man so richtig traurig sein oder in hellste Ekstasen geraten.

Bruckner verstehen

Bild: Cover „Bruckner verstehen“

tredition: Könnten Sie diese Wirkungen noch genauer differenzieren?
Wolfgang Zeitler:Es gibt rein körperliche Wirkungen (die kann man messen und sichtbar erleben…), seelische oder „psychoaktive“ Wirkungen (die kann man an Stimmungen und Verhaltensänderungen ablesen) und Auswirkungen auf den Geist. Letztere sind am umfassendsten — man kommt auf andere und bessere Gedanken, wird inspiriert und geistig genährt. Veränderungen auf geistiger Ebene sind nachhaltiger und dauerhafter. Musik fördert die Sinnhaftigkeit in unserem Leben. Nietzsche sagte: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum, eine Strapaze, ein Exil“.

tredition: Weshalb haben Sie sich für Self-Publishing und speziell tredition entschieden?
Wolfgang Zeitler:
Ich hatte, ehrlich gesagt, Angst, dass ein „normaler“ Verlag mir Vorschriften macht, wie ich das Buch gestalten soll. Ich hatte keine Lust auf Einwände und Diskussionen. Was in diesem Buch steht, gibt es so noch nicht. Wer soll das also beurteilen und genehmigen? Auf tredition bin ich gekommen nach einigem Vergleichen von Self-Publisher-Verlagen im Internet. Ich war hocherfreut über die soliden praktischen Hinweise für Autoren, das ist optimales Handwerkszeug. Und die niedrigen Kosten empfand ich als Geschenk des Universums! Dass dann der Service so persönlich, kompetent und freundlich ist, hat mich überrascht. Und die von tredition aufgelegte Werbung im Internet und Buchhandel war noch ein Geschenk obendrauf. Da hab ich gestaunt und bin dankbar und glücklich.

tredition: Wie werben Sie für Ihr Buch?
Wolfgang Zeitler:
In meinen Seminaren und über meine eigene Homepage, die von den Suchmaschinen sehr gut gefunden wird. Ein Versuch, das Buch in einer Buchhandlung in Bayreuth zur Festspielzeit ausstellen zu dürfen, war erstmal niederschmetternd. Keine Zeit, kein Interesse, und von oben bis unten gemustert werden. Den nächsten Anlauf mach ich vielleicht mit Krawatte und Anzug…

tredition: Ihre Leser dürfen sich auf Fortsetzungen Ihres Werkes freuen. Steht schon fest, wann es so weit sein wird?
Wolfgang Zeitler:
Der zweite Band umfasst die Symphonien Fünf bis Sieben. Ich schätze, so zwei bis drei Jahre. Es ist noch sehr viel Arbeit zu tun. Ich hab noch nicht einmal die Hälfte der Musik erarbeitet. Mal sehen, ob das Beflügeltsein mich tragen wird…

tredition: Gibt es noch etwas, das Sie potenziellen Lesern Ihres Buches mitgeben möchten?
Wolfgang Zeitler: Hören Sie erstmal nur einen einzelnen Satz aus einer Symphonie, am besten den langsamen, das Adagio oder Andante. Das ist quasi der Seiteneingang in die Kathedrale. Lieber einen Satz einer Symphonie drei Mal hören als gleich das Ganze. Wenn die Musik Sie fasziniert und Ihnen Rätsel aufgibt, dann ist mein Buch ein idealer Begleiter. Eine Anleitung und Einladung, selbst zu forschen und zu experimentieren. Es lohnt sich. Bruckner liefert die aktuellsten „Downloads“ aus der geistigen Welt…

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