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Achim Behme


 

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Achim Behmes "Tag" oder die Unvermeidlichkeit des Endreims

29.11.2019
 
Achim Behmes „Tag“ oder die Unvermeidlichkeit des Endreims

Wer in Achim Behmes frisch erschienenem und angenehm in der Hand liegendem Lyrikband „Tag“ mit seinen 12 hoch 2 oder 6 mal 24 Gedichten blättert, dem fällt schon auf den ersten Blick die Formstrenge der Texte auf: Auch ohne wie Goethe das Metrum jedes einzelnen Gedichts auf dem Rücken der Geliebten nachzuklopfen, ahnt man schon aufgrund der Verslängen, dass hier ein konsequenter Rhythmiker am Werk ist; viele, sehr viele der Texte sind außerdem als Sonette verfasst. Anders als in der modernen Lyrik üblich verwendet Behme konsequent und schon nahezu rigoros den Endreim: Im gesamten Buch findet sich nicht eine Waise; immer wieder bildet dagegen der Dichter lange Haufenreim-Kaskaden, die zusätzlich noch mit Binnenreimen angereichert werden, heizt die Erwartung des Lesers an, irgendwann werde sich kein weiteres Reimwort mehr finden, um sich dann doch noch im letzten Moment mit der sauerländischen Interjektion „woll“ oder dem Internet-Akronym „lol“ aus der reimtechnischen Affäre zu ziehen; notfalls wird eben noch augenzwinkernd, wie in „Von Wachen und Schlafen“ ein „Hund“ eingefügt, weil der Reim auf „Stund“ es so erfordert. Selbst wenn versprochen wird, es reime sich jetzt wirklich einmal nichts, wie gegen Ende des Gedichtes „Von Alpen und Almen“, erweist sich dies als Praeteritio und der unvermeidliche Endreim folgt ebenso unerbittlich wie der Sensenmann im Schlussabschnitt „Vom Sterben“.
Womit wir beim Inhalt wären: Der Abschnitt „Vom Dichten“ spürt auf ironisch-sarkastische Weise den Grundbedingungen lyrischen Schaffens und den Selbstansprüchen desjenigen nach, der sich selbst „der Dichter“ nennt. Die Bereiche „Vom Werden“ und „Vom Welken“ enthalten Naturlyrik, wobei auch hier der witzige Tonfall überwiegt und häufig die Schlusspointe das zuvor aufgebaute Pathos mit einem Schmunzeln in die Alltagssprache überführt. Dementsprechend bieten auch die Abschnitte „Vom Lieben“ und „Vom Leben“ eher Heine als Hölderlin, und spätestens gegen Ende jedes einzelnen Textes muss der Leser gewärtigen, durch den doppelten Boden der – natürlich endgereimten – Beobachtungen des täglichen Lebens in die Absurdität zu stürzen. Beim schon erwähnten Schlussteil zum Wirken von Freund Hein schimmert bei allem Witz dann freilich naturgemäß auch eine gewisse Melancholie durch…
Das Auftürmen wolkiger Bilder und Metaphern ist nicht die Sache Behmes; eher spürt er dem Sinn von einfachen Alltagswendungen nach: Was bedeutet es für den Spatz, wenn er „für die Katz“ ist, und warum sollte man hübsche, junge Damen nur mit zärtlich-dümmlichen Diminutiven anreden? Sprachspielerisch werden Alliterationen, Anaphern, Parallelismen und Akkumulationen verwendet, außerdem – hatten wir es schon erwähnt? – Endreime, um den Rezipienten zum Staunen, Lächeln, Denken zu bringen. Gelegentlich steigert sich das scheinbar Schwerelos-Spielerische gar zur Sprachartistik, wenn etwa in „Von Jägern beim Jagen“ einzelne Wörter nach Art einer Parenthese in andere, in ihre Silben zerlegte, hineingeschoben werden. Spaß macht es auch, die Anspielungen zu entdecken, die sich in Form von Parodien z.B. auf Goethes „Mailied“ oder Gryphius‘ „Abend“ oder Allusionen auf „Faust“, „Freischütz“ oder „Struwwelpeter“ manifestieren.
Insgesamt hat Behme mit „Tag“ einen sehr lesenswerten Lyrikband vorgelegt: Durchgängig sind die Texte angenehm und abwechslungsreich zu lesen, stets artifiziell, aber niemals gesucht, humorvoll, aber niemals Schenkelklopfer, von fern an Robert Gernhardt erinnernd, aber von ganz eigenem Tonfall. Vielleicht dürfen wir uns ja auf „Nacht“ freuen…

Dr. Martin Pfennig