Hardcover

Unser facettenreiches Leben

ADHS-Collagen zum Schmunzeln

Doris Ryffel-Rawak
Gesundheit, Familie, Lebenshilfe, Lyrik & Poesie, Lernen & Nachschlagen, Fachbücher

Dr. Doris Ryffel-Rawak ist Psychiaterin und hat seit 2001 als eine der ersten deutschsprachigen Autorinnen insgesamt vier Fachbücher für Betroffene und Therapeuten zum Thema ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung) bei Erwachsenen verfasst. Im vorliegenden Buch versucht die Autorin, die ADHS mit Humor zu verbinden.
Heute wird immer öfter vom Einsatz von Humor in der Psychotherapie gesprochen und von einigen Psychiatern und Psychologen auch mit Erfolg eingesetzt. Gerade ADHS-Betroffene haben mitunter einen ganz besonderen Sinn für Humor entwickelt. Das kann man auch als Bewältigungsstrategie verstehen, sich Hindernissen trotz allem entgegenzustellen.
Auf dieser Basis entstanden Collagen aus Reklame-Bildern der 30er- bis 50er-Jahre, die einige typische Symptome der ADHS darstellen, versehen mit entsprechenden Erklärungen und Aussagen oder Beispielen von Patienten aus der Praxis. Das »Bilderbuch« ist für Betroffene, deren Partner und Angehörige gedacht. Die Autorin plädiert damit für mehr Verständnis füreinander, was umso einfacher ist, wenn man gemeinsam lachen oder schmunzeln kann. Dieser humorvolle Ratgeber kann daher auch für Therapeuten — Psychiater, Psychologen, Coaches und andere — als Mittel zum Zweck dienen.

Rezensionen

Der Struwwelpeter für Erwachsene? Ein neues Bilderbuch über ADHS

andreadaniels
★★★★★

Wer kennt ihn nicht, den Struwwelpeter? 1844 hat H. Hoffmann das bekannte Bilderbuch gezeichnet und erdichtet. Es ist das erste Buch, in dem Symptome der Aufmerksamkeits-Defizitstörung ADHS dargestellt sind.
Heute, mehr als 170 Jahre später, ist die Diagnose auch bei Erwachsenen anerkannt. Betroffene sind trotz moderner Behandlungsstrategien häufig einem grossen Leidensdruck ausgesetzt.
D. Ryffel-Rawak begibt sich nun mit der Gestaltung eines Bilderbuchs für Erwachsene auf Neuland.
Es ist ein unkonventioneller Ratgeber. Die Zielsetzung unterscheidet sich von ihren vorhergehenden Büchern: Mit Bildern und einer Prise Humor zum Nachdenken anregen, einen positiven Perspektivenwechsel bei Betroffenen bewirken, und das Umfeld für mehr Verständnis und Toleranz sensibilisieren.
Die Autorin bedient sich einer Collagentechnik, zu Beginn des 20. Jahrhunderts als eine Art «Antikunst» entstanden. Werbeanzeigen aus Zeitschriften der 30er bis 50er Jahre des letzten Jahrhunderts werden aus ihrem Kontext gelöst und als Fragmente scheinbar sinnlos neu arrangiert. Gedankenverbindungen entstehen erst durch den Bezug, den der Betrachter zwischen den einzelnen Ausschnitten entdeckt.
Durch Neukomposition der Fragmente entsteht ein surreales Spannungsfeld, das den Betrachter irritiert, manchmal fast provoziert. Ihm präsentiert sich eine Mischung aus Humor, Nachdenklichkeit, Melancholie sowie einem Hauch Erotik, was den Weg in ein Gedankennetz phantasievoller Assoziationen ebnet.
Die Facetten der ADHS sind vielfältig dargestellt: Eine hypoaktive Patientin lädt uns ein, sie mit feuchtem Feuer auf ihrer gläsernen Traumreise in ein frivoles Museum zu begleiten. Ein von seinen Alltagsaufgaben überforderter Mann mit riesigem Kopf gerät auf einem Spielbrett in Not. Ein hyperaktives Pärchen tanzt im Schnellfeuergalopp, während eine schlaflose Dame zur Sternstundenzeit immer noch auf ein Rendezvous mit dem Mann im Mond wartet. Die Spalttablette aus Grossmutters Zeiten findet ebenso ihren Platz wie eine gerade vor Liebe um den Verstand gebrachten Frau, die zwar kopflos, dafür umso eleganter durch die Nacht schwebt. Liebe, Eifersucht, aber auch Grübelei, Einsamkeit, Enttäuschung und Suchtverhalten kommen humorvoll zur Darstellung.
Es ist nun dem Leser und seiner Phantasie überlassen, was er daraus macht. Dennoch wird er nicht allein gelassen, sondern behutsam durch die einzelnen Abschnitte begleitet, die Bilder werden durch solide Fachinformationen und authentische Patientenberichte ergänzt. Hier wird klar: Die Autorin macht sich nicht lustig über ADHS, sondern sie begegnet dem Patienten mit Respekt und Achtsamkeit, ermutigt ihn: «Relax, take it easy. Yes, you can do it».
Das harmonische Zusammenspiel humorvoller Illustrationen, solider Fachinformationen und authentischer Patientenberichte bewirkt eine erfrischende Mischung, die Abwechslung und gute Lesbarkeit garantiert. Darüber hinaus öffnet D. Ryffel-Rawak dem Betrachter der Collagen eine kleine geheime Tür: Sie zeigt uns dieselben Menschen, die wir tagtäglich sehen, aber in einem anderen Licht, so wie wir sie vorher noch nicht gesehen haben. Das Tagtägliche zum Besonderen machen, das ist Aufgabe eines Künstlers und das ist ihr gelungen. Jeder sieht und empfindet zunächst immer verschiedene Sachen, hat eine eigene, ganz individuelle Wahrnehmung. Wenn wir aber ein wenig tiefer in uns gehen, dann können wir plötzlich erkennen, dass die Unterschiede zwischen uns gar nicht so wichtig sind, der andere doch gar nicht so anders ist als wir selbst.
Toleranz, Verständnis, Hoffnung, Zuversicht.
Auch darüber geht das Buch.