Hardcover

"Meine liebe Mutti"

Kriegsbriefe meines Vaters an seine Frau

Horst Schwartz
Biografien & Erinnerungen

Jeden Tag als Soldat hat der Vater des Autors seiner Frau einen Brief geschrieben. 500 dieser Briefe sind erhalten. Der Autor hat sie für dieses Buch thematisch geordnet, erläutert und mit eigenen Erinnerungen verbunden. So entstanden schlaglichtartige Bilder vom rauen Soldatentum zur Nazizeit, von gewonnenen und verlorenen Schlachten, vom blinden Glauben an "den Führer", vom Hass auf die Gegner in Russland und Großbritannien, von der Sorge um die geliebte Familie, seine Frau und die zwei kleinen Söhne.
 

Neuigkeiten

Horst Schwartz und die Kriegsbriefe seines Vaters

15.12.2020
 
Das Autoreninterview mit Horst Schwartz

1. Vom ersten Lebzeichen bis zum Buch über die Kriegsbriefe

tredition: Aus dem Krieg hat Ihr Vater seiner Frau, Ihrer Mutter, fast tagtäglich geschrieben. Die 500 erhaltenen Briefe sind in Ihr Buch „Meine liebe Mutti“ eingegangen. Mit der Sichtung haben Sie 70 Jahre später begonnen. Warum so spät? Haben Sie nicht als Kind schon mitbekommen, dass es diese Briefe gab?

Horst Schwartz: Nein, das war mir nicht bewusst. Nur an das Eintreffen des ersten Lebzeichens, das mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft schrieb, kann ich mich erinnern. Die Karte kam im Mai 1946 an, da war ich knapp fünf Jahre alt. Dass vorher fast jeden Tag ein Brief meines Vaters eintraf, war mir nicht klar. Und auch, als ich älter war, habe ich die Briefe nicht bewusst wahrgenommen. Sie lagen in einem Karton, den ich unbeachtet von Umzug zu Umzug mitschleppte. Erst vor ein paar Jahren habe ich mir die Briefe näher angeschaut und bemerkt, was für einen Schatz ich da besaß.

2. Der Lockdown und die Fleißarbeit

tredition: Wann kam Ihnen die Idee, darüber ein Buch zu schreiben? War das ein spontaner Einfall?

Horst Schwartz: Eher eine Idee, die sich so langsam in mein Bewusstsein einschlich. Trotz meines Alters hatte ich bis zum Beginn der Corona-Krise noch einen 12-Stunden-Arbeitstag als Reisejournalist. Ich war dauernd unterwegs. So blieb mir nur wenig Zeit, in den Briefen zu zu lesen und mir Notizen zu machen. Als der erste Lockdown kam, waren die Vorarbeiten erledigt. Ich hatte jetzt Zeit und konnte mit der Fleißarbeit beginnen, dem Schreiben. Nach einem halben Jahr war das erledigt - der Text war fertig, was mich selbst ziemlich überraschte.

3. Eine Liebesgeschichte

tredition: Auch wenn Sie die Briefzitate mit eigenen Erinnerungen und Kommentaren angereichert haben, im Mittelpunkt des Buches steht Ihr Vater. Hatten Sie keine Probleme damit, private Notizen Ihres Vaters ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen? Was war Ihr Motiv, dieses Buch zu veröffentlichen?

Horst Schwartz: Als ich anfing, mich mit den Briefen näher zu beschäftigen, war zuerst nur Neugierde das Motiv. Was hat er denn so geschrieben? Dann wurde es schnell spannend. Ich wollte herausbekommen, was meinem Vater denn geholfen hatte, die Jahre an der Front, die Kriegsgräuel und auch die grausame Gefangenschaft in der Sowjetunion auszuhalten. Und dabei stieß ich, für mich durchaus überraschend, auf eine Liebesgeschichte. Auf die in unzähligen Briefstellen belegte Liebe meines Vaters zu meiner Mutter. Keinen Tag lässt mein Vater vergehen, ohne wenigstens zu versuchen, seiner Frau zu schreiben - einmal sogar, wie er schreibt, „ bei flackerndem Kerzenlicht halb liegend…“ Die Briefe sind voller Verlangen und Sehnsucht, die fast alles überlagert und schwierig mit dem rauen Soldatenleben zu vereinbaren ist. Auch die beiden Söhne, mein etwas älterer Bruder und ich, spielen in dem Briefwechsel eine große Rolle. Offensichtlich war es in der Tat ein reger Briefwechsel, leider sind von meiner Mutter nur drei Briefe erhalten.

4. Die Verstrickung in das Nazisystem

tredition: Sind Sie auch der Frage nachgegangen, wie sehr Ihr Vater in das System verstrickt war? Gibt es Belege dafür, ob er und dass er an das Regime glaubte und deshalb all die Opfer auf sich nahm? Wie sehr hat ihn die Nazi-Propaganda beeinflusst?

Horst Schwartz: Die hat ihn ohne Zweifel beeindruckt und beeinflusst. Aber ich habe in all den Briefen nicht eine einzige Stelle gefunden, in der Judenhass anklang. Gewiss hat er die Deutschen für ein überlegenes Volk gehalten, und er glaubte, überall dazu Belege zu finden, in Russland und auch in Frankreich. An Hitler glaubte er nicht wegen des Rassenwahns, sondern weil er „den Führer“ für einen überlegenen Strategen hielt. So wurde selbst die Niederlage vor Stalingrad in der Vorstellung meines Vaters zum raffinierten strategischen Schachzug. Ich zitiere: „Bewusst hat sich da eine Armee geopfert,