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Franz Kafka und das feudale Prinzip

Martin Seelos
Politik & Geschichte

In diesem Buch geht es um drei zusammenhängende Themen. Zuerst erkennen wir in der Handlung der Romane Kafkas einen durchgängigen Konflikt: den des Individuums mit einer fremden Macht, die Ersterem den Platz zum Leben limitieren möchte. Alleine das in Kafka zu „entdecken“, ist wohl weder neu noch originell. Erst wenn wir konkreter werden, wird es spannend: der Konflikt zwischen dem bürgerlichen Individuum und dem feudalen Prinzip. Das Feudale an diesem Prinzip bezieht sich zwar auf die im 19. Jahrhundert ökonomisch überholte und aufgelöste feudale Klasse, aber das Prinzipielle daran ist als höchst reales Ding nicht totzukriegen. Es lebt in dem Phänomen der Bürokratie fort – einer sich verselbstständigenden Vermittlung zwischen den eigentlichen Subjekten des Kapitalismus genauso wie jenen der Planwirtschaften des 20. Jahrhunderts. Erst in dieser historischen Dimension kann auch die politische Brisanz Kafkas entschlüsselt werden.

Zweitens sind wir dem Phänomen Individuum auf der Spur, um das literarische Individuum bei Kafka mit dem realen Individuum zu konfrontieren. Das reale Individuum als historischer Typus erstand nach dem europäischen Mittelalter in einem sozioökonomischen Prozess: der Umwandlung der feudalen Dorfwirtschaft in eine globale Warenwirtschaft. Während dieser jahrhundertelangen Umwandlung produzierte das reale Individuum auch die Vorstellung seiner selbst: die Idee des Individuums, wie sie etwa in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts bei Immanuel Kant auftritt und wie sie in den Widerspruch zu ihrer eigenen sozialen Basis gerät. Das Produkt dieses Widerspruches ist eine Ideologie.

Drittens begegnet uns das Individuum im Kunstprozess, also in der Produktion, der Distribution und der Konsumtion von Kunst. Wir werfen einen Blick auf die sich ständig ändernde soziale Stellung des Künstlers und auf die Barrieren, die das Kapital oder die Bürokratie der Planwirtschaft dem individuellen Bewusstsein des Künstlers setzt.