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FREMD IN DER HEIMAT

Deutsche im Nachkriegspolen 1945-1958

Teresa Willenborg
Politik & Geschichte, Wissenschaftliche Arbeiten

Nach 1945 verblieben Tausende Deutsche innerhalb der Grenzen des polnischen Staates. Sie wurden von den gewaltsamen Zwangsaussiedlungen ausgenommen. Teresa Willenborg veranschaulicht aus der Perspektive der deutschen Niederschlesier den gesellschaftlichen Alltag in den neuen polnischen Gebieten, der von innen- und außenpolitischen sowie wirtschaftlichen Interessen des polnischen Staates geprägt war. Die zurückgebliebenen Deutschen erlebten die Nachkriegsturbulenzen sowie den forcierten Aufbau des polnischen Staates und die Konstituierung des neuen sozialistischen Systems im ehemals deutschen Niederschlesien hautnah. Die deutschen Niederschlesier wurden Zeugen des Wandels ihrer „alten“ niederschlesischen Heimat, die zu einer multinationalen und multiethnischen Region mit einer höchst heterogenen Bevölkerungszusammensetzung wurde. Das Zusammenleben aller Bevölkerungsgruppen war nicht nur durch die wirtschaftliche Not, Hunger und Wohnungsmangel bestimmt, sondern vor allem durch die Reaktionen der Polen auf die NS-Besatzungspolitik. Dazu kam eine restriktive Nationalitätenpolitik der Warschauer Regierung, die den nicht-polnischen Bürgern ihre staatsbürgerlichen Rechte entzog. Paradoxerweise brachte erst die „Stalinisierung“ Polens den bis dahin diskriminierten Deutschen zuvor verschlossene Handlungsmöglichkeiten. Die schrittweise Aufhebung der aus der unmittelbaren Nachkriegszeit stammenden sozialen Diskriminierungen, und Gleichstellung mit den polnischen Bürgern im Bereich Bildung und Kultur erhöhten den gesellschaftlichen und rechtlichen Status der deutschen Bevölkerung. Die Studie liefert überraschende Erkenntnisse und zeichnet ein vielschichtiges und vielstimmiges Bild zu einem vor allem im deutschen Sprachraum wenig erforschten Thema.
 

Presseberichte

Fremd in der Heimat

28.09.2019
 
„Nicht alle Deutsche, die nach 1945 Polen freiwillig verlassen wollten, durften auch ausreisen“
Im Sommer 1945 begann der polnische Staat mit der massenhaften Zwangsaussiedlung von Deutschen. Weniger bekannt ist: Nicht alle, die ihrerseits Polen freiwillig verlassen wollten, durften auch ausreisen.

Auf der Konferenz in Potsdam im August 1945 hatten sich die Alliierten auf die Oder-Neiße-Grenze geeinigt; damit fielen die Gebiete östlich dieser Grenze an Polen. Unmittelbar danach hatte der polnische Staat mit der massenhaften Zwangsaussiedlung der deutschen Zivilbevölkerung begonnen. Dennoch lebten im Jahr 1948 noch Tausende Deutsche innerhalb der neuen Grenzen
Polens, denn so mancher, der von sich aus gern Polen verlassen hätte, wurde daran gehindert. Woran lag das?
Im Nachkriegspolen hatte der Aufbau des zerstörten Landes oberste Priorität für die Regierung, wobei der Seinkohlenförderung, dem Hüttenwesen und der Metallindustrie eine große wirtschaftliche Bedeutung zukamen. Allerdings litten diese Sektoren nach dem Krieg unter einem massiven Fachkräftemangel. Infolge der NS-Vernichtungspolitik hatte Polen einen erheblichen Teil seiner Bevölkerung verloren; insbesondere unter der polnischen Elite waren die Verluste hoch. Die qualifizierten jüdischen Arbeitskräfte waren nahezu ausnahmslos ermordet worden. Unter den Überlebenden wiederum gab es unzählige Schwerstkranke und Invaliden. Die wirtschaftliche Notlage wurde noch dadurch verschärft, dass Tausende Personen aus Oberschlesien, Ostpreußen und Niederschlesien durch die Rote Armee zur Zwangsarbeit in das ukrainische Donezbecken oder ins Landesinnere Russlands verschleppt wurden…

 
Quelle: DAMALS

Germans in Postwar Poland 1945-1958

30.08.2019
 
After 1945, thousands of ethnic Germans remained in the new Polish country. They were excluded from forced expulsion from Poland after the Second World War. In her book, Teresa Willenborg describes the daily life in the new areas of western Poland, Lower Silesia, that were former German territories in the East, and put under Polish authority in 1945. The daily life of the German had been shaped by the domestic, foreign and economic interests of the Polish state. They experienced postwar turbulence and forced the development of the Polish state and constitution of the new socialist system. The Germans also witnessed the change in their “old” Lower Silesian homeland, which became a multinational and multiethnic region with a highly heterogeneous population structure. The co-existence of population groups was determined not only by economic hardship, hunger, and housing shortage but also by the reactions of the Polish people to the National Socialistic (NS) occupation. In addition, the Polish government pursued a restrictive national policy that denied non-Polish citizens their civil rights. Paradoxically, it was only the “Stalinization” of Poland, after 1948, that brought the previously discriminated Germans the right to participate in society. They were allowed to manifest their German identity. The progressive elimination of social discrimination from the post-war period, and the equality with Polish citizens in education and culture, raised the social and civil rights status of the German in Poland. This book provides some surprising findings. It also offers a complex and descriptive view from multiple individuals who experienced the era firsthand.
 
Quelle: Humanities and Social Sciences Online H-Poland

Deutsche in Polen Als Fachkräfte benötigt

31.05.2019
 
„Im Sommer 1945 begann der polnische Staat mit der massenhaften Zwangsaussiedlung von Deutschen. Weniger bekannt ist: Nicht alle, die ihrerseits Polen freiwillig verlassen wollten, durften auch ausreisen.“
Deutsche in Polen
Als Fachkräfte benötigt
Nicht alle durften gehen Bernhard Schulz

Ungeachtet der Vertreibung blieben nach 1945 Tausende Deutsche in Polen, die für den Aufbau der Volksrepublik benötigt wurden. Ihr Schicksal ist nahezu unbekannt. Diese Forschungslücke geht Teresa Willenborg mit ihrer Studie „Fremd in der Heimat“ an. „Die polnische Nationalitätenpolitik (...) war in den ersten Nachkriegsjahren auf gesellschaftliche Isolierung und Unterdrückung gerichtet und führte zu einem rechtlosen Status der Deutschen“, schreibt sie. Mit der Verkündung des Aufbaus des Sozialismus „trat eine Kehrtwende in der polnischen Nationalitätenpolitik ein“.
Identität verloren
Das bedeutete einerseits forcierte Homogenisierung der sozialistischen Gesellschaft, führte andererseits zu einer gewissen kulturellen Autonomie. Doch „die negativ erlebten sozialen und materiellen Lebensbedingungen sowie diskriminierende Maßnahmen“ führten zur „Ablehnung des sich neu konstituierenden Gesellschaftssystems in Polen“. Die „forcierte Beseitigung“ historischer Spuren bedeutete „für die deutsche Bevölkerung den Verlust ihrer kulturgeschichtlichen Identität“. Die Folge: Bis 1959 wanderten nochmals 350 000 Personen in den Westen aus, in beide deutsche Staaten.

Teresa Willenborg: Fremd in der Heimat. Deutsche in Nachkriegspolen 1945–1958. tredition, Hamburg 2019. 252 S., 29,80 €.
 
Quelle: Der Tagesspiegel