Hinterfragt: Wie einst Beethoven vom Musikverlag abgelehnt wurde

Künstlerisches Schaffen hat sich auch vor 200 Jahren schon seinen Weg gebahnt, wenn Verleger die Qualität der Werke unterschätzt haben. Ein erkenntnisreicher Exkurs in die Musikgeschichte

Self-Publishing ist (mit Ausnahme der relativ seltenen Form des Selbstverlages oder des Eigenverlages) eine noch junge Entwicklung in der Medienwelt. Ein besonderes Charakteristikum des Self-Publishing ist es, dass eine „Zensur“ durch einen etablierten Verlag entfällt und somit auch solche Werke veröffentlicht werden können, denen herkömmliche Verlage keine Marktchancen einräumen. Ein krasseAuch ein Musikverlag kann sich irrens Beispiel für eine „Zensur“ ist die Verhinderung der Veröffentlichung eines Musikwerkes durch einen marktbeherrschenden Musikverlag. Allerdings liegt dieser Vorgang schon länger zurück.

Der Musikverlag Breitkopf & Härtel

Im Jahre 1810 komponierte Ludwig van Beethoven das Klavierstück a-Moll WoO 59 (Werk ohne Opuszahl). Der Musikverlag Breitkopf & Härtel in Wiesbaden, im Geschäft mit der Musikliteratur seit 1719 und damit der älteste Musikverlag der Welt, verlegte die Werke fast aller namhaften Komponisten im deutschsprachigen Raum, darunter auch die Werke Beethovens. Eine Veröffentlichung des Klavierstückes a-Moll lehnte der Verlag Breitkopf & Härtel jedoch ab, weil die Komposition als zu simpel bewertet wurde. Das Gesamtwerk Beethovens, das in diesem Verlag veröffentlicht wurde, war somit kein Gesamtwerk, weil das Klavierstück fehlt.

„Für Elise“

Erst 1867 gab der Musikwissenschaftler Ludwig Nohl das „recht anmuthige Klavierstückchen“ erstmal heraus mit der Angabe, er habe Beethovens Autograph als Vorlage gehabt. 1870 erschien das Werk unter dem Titel „Für Elise“ im Verlag C. F. Kahnt. Das Autograph ist inzwischen verschollen, so dass nicht mehr nachvollziehbar ist, wem Beethoven das Werk gewidmet hat, ob Therese Malfatti, Elisabeth Röckel oder Juliane Barensfeld. Die Spekulationen in der Literatur über Beethovens „unsterbliche Geliebte“ sind kaum überschaubar.

Die Fehleinschätzung eines lange etablierten Musikverlages über die Qualität einer Komposition hatte zur Folge, dass ein Musikstück eines Genies 60 Jahre lang der Öffentlichkeit vorenthalten blieb. Heute gehört „Für Elise“ zu den besonders gern gespielten und gehörten Klavierkompositionen. „Moderne Bearbeitungen“ des Klavierstücks gibt es in zahlreichen Filmen (z.B. „Inglourious Basterds“, „Django Unchained“, Tod in Venedig“) oder in der Pop-Musik (Ray Charles) und fatalerweise in den Warteschleifen vieler telefonischer Kundenberatungen.

An diesen kurzen Ausflug in die Musikgeschichte schließt sich die Frage an, wer eigentlich mit welcher Kompetenz allgemeingültig entscheidet, wie Literatur, die das Merkmal „Qualität“ erfüllen soll, beschaffen sein muss. Sitzen die „Qualitätsrichter“ in den etablierten Verlagen oder vielleicht sogar bei den Self-Publishing-Dienstleistern? Eine Antwort ist schwerlich möglich. „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen“ („Der gute Mensch von Sezuan“, Bertolt Brecht).

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