Erfolgskonzept Autorenwettbewerb: Im Gespräch mit Marcello Vena von der RCS Mediagroup, Italien

Der Maestro in puncto AutorenwettbewerbMarcello Vena leitet das Digitalgeschäft der italienischen Verlagsgruppe RCS Libri, zu der u.a. die Verlage Rizzoli, Bompiani und Fabbri Editori gehören. Er blickt auf 17 Jahre Erfahrung im Digitalgeschäft in unterschiedlichen Branchen und Ländern Europas, der USA und Asien zurück.

indition: Dieses Jahr veranstaltet der zur RCS Mediagroup gehörende Rizzoli-Verlag einen Literaturwettbewerb in Kooperation mit Kindle Direct Publishing und dem auf Social Reading spezialisierten Startup 20lines. Welches Ziel verfolgen Sie mit der Aktion?

Marcello Vena: Mit BigJump wollen wir Self-Publishing-Titel „casten“, die das Potenzial für eine Veröffentlichung in unserem Verlagsprogramm haben. Dabei beziehen wir die Lesermeinungen vom Portals 20lines mit ein und wählen den Gewinner aus den zehn beliebtesten Titeln in drei Kategorien (Thriller, Liebesroman, Historienroman). Der Wettbewerb ist ein innovativer Mix aus Crowdsourcing und dem klassischen verlegerischen Auswahlprozess. Schon in den vier ersten Wochen nach Start des Wettbewerbs sind über 250 Bücher eingereicht worden.

indition: 2013 haben Sie bereits einen Autorenwettbewerb unter dem Titel „You Crime“ durchgeführt. Was war das Konzept des Wettbewerbs?

Vena: Wir haben die Kurzgeschichten von zwölf jungen, unbekannten Autoren zusammen mit vier Geschichten von populären italienischen Autoren als e-Books veröffentlicht. Die teilnehmenden Nachwuchsautoren wurden aufgefordert, über Social Media für die e-Books zu werben. Der Gewinner wurde anhand eines Online-Votings der Leser ermittelt. Alle vier e-Books gehörten zu den bestverkauften aus unserem Verlag.

indition: Worauf führen Sie den Erfolg von „You Crime“ zurück?

Vena: Es gibt mehrere wichtige Erfolgsfaktoren. Lassen Sie mich nur einige davon nennen: Das richtige Team, die dahinterstehende Organisation durch unser Unternehmen, hochwertige Inhalte, vier bekannte Autoren als Mentoren, zwölf digital versierte Teilnehmer, die sich mit Onlinemarketing auskennen, unsere Medienpartnerschaft mit der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“, unsere Marketingmaßnahmen und das Wettbewerbsformat als solches.

indition: Unter welchen Voraussetzungen ist Innovation dieser Art in Verlagen möglich?

Vena: Radikale Innovation ist immer ein schwieriger Prozess und zwar in jeder Branche und in jedem Land. Das kann ich aus persönlicher Erfahrung nach fast 15 Jahren in verschiedenen Wirtschaftszweigen sagen. 2011 kam ich zu RCS Libri, um das Digitalgeschäft neu aufzubauen – ohne jegliche Erfahrung im Verlagswesen. Innovation hängt nicht nur von kreativen Strategien und deren perfekter Umsetzung ab. Es geht in erster Linie um qualifiziertes Personal und eine entsprechende Unternehmenskultur. Deshalb fällt es traditionellen Unternehmen schwer, innovativ zu sein: Sie brauchen die richtigen Talente, Kompetenzen, Partnerschaften und Ressourcen zum richtigen Zeitpunkt.

indition: Wie lassen sich traditionelles Verlagswesen und Self-Publishing kombinieren?

Vena: Wir haben bei uns den Begriff „Co-Publishing“ als Bezeichnung für einen Mittelweg zwischen beiden Publikationsformen eingeführt. „YouCrime“ ist ein Beispiel dafür. Die Kernidee ist, dass sowohl Autoren als auch Verlage in die Vermarktung der Bücher investieren. Sinnvoll ist das natürlich vor allem für neue Autoren. Co-Publishing ermöglicht es Verlagen, das Investment in neue Autoren zu reduzieren und zugleich mehr neue Autoren pro Jahr mit den gleichen Ressourcen zu etablieren. Jenseits solcher inhaltebasierten Formen des Co-Publishing gibt es noch weitere Möglichkeiten – beispielsweise ein Imprint, mit dem traditionelle Verlage und Start-ups gemeinsam Buchprojekte fördern. Der Spielraum an Ideen ist groß. Ich sage immer: „Die Zukunft ist nicht vorhersehbar aber sie kann erfunden werden.“ Es kommt darauf an, Visionen zu haben und daraus die richtige Strategie abzuleiten.

indition: Vor welchen Herausforderungen steht das italienische Verlagswesen in den kommenden Jahren?

Vena: Verlage müssen sich zu digital hochprofessionell agierenden Unternehmen entwickeln. Das gilt für alle Arbeitsbereiche vom Vertrieb über Marketing und Herstellung bis zum Rechnungswesen und dem Rechts- und Lizenzbereich. Das Digitalgeschäft beschränkt sich ja nicht auf das Ausgabeformat e-Book. Vielmehr bedeutet es, rund um die Uhr Autoren und Leser über jeden Weg, jede Dienstleistung und jede mögliche Technologie zu erreichen – online und offline. Das ist leichter gesagt als getan und wir durchlaufen einen kontinuierlichen Lernprozess. Letztlich muss das Digitale so selbstverständlich werden, dass es nur noch für die IT-Experten im Verlag ein Gesprächsthema ist. Ich erhoffe mir einen Buchmarkt, in dem das digitale Publizieren die Grundlage des Verlagswesens an sich wird und aus unserem Vokabular verschwindet; so dass wir einfach nur über das Verlegen an sich sprechen: Inhalte, Autoren und Leser.

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