Hinterfragt: Weshalb IT-Wissen im Verlag unverzichtbar ist

Nahezu kein deutscher Presse- oder Buchverlag hat einen Techniker im Führungsteam. Doch ganz gleich ob IT-Wissen inhouse aufgebaut oder eingekauft wird, die zugrundeliegende Strategie erfordert entsprechende Kompetenz im eigenen Management.

Im Herbst 2012 tauchte Kai Diekmann, Chefredakteur der Bild-Zeitung, für ein halbes Jahr ins Silicon Valley ein. Die sechsmonatige Forschungsreise führte den Journalisten zu Firmen wie Google, Facebook und ebay – mit dem Ziel, neue Strategien für das digitale Geschäft mit nach Hause zu nehmen. Bereits im Februar 2013 mündete der Aufenthalt in Palo Alto in einem neuen Projekt. Gemeinsam mit dem Start-up-Investor Plug and Play Tech Center begründete Springer ein Förderprogramm, das deutsche und amerikanische Unternehmensgründer bei der Entwicklung digitaler Geschäftsideen unterstützt. Zudem entsendet Springer nun regelmäßig sogenannte „Visiting Fellows“ für einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten ins Silicon Valley.

Wie attraktiv sind Verlage als Arbeitgeber?

IT-Wissen auf der Führungsebene verankern

Die Auswahl qualifizierter Dienstleister, die den spezifischen und individuellen Anforderungen und Technologien einer Branche genügen, ist der Gradmesser für den Erfolg jeder Outsourcing-Strategie.

Wenn Führungskräfte eines der größten deutschen Medienunternehmen ihre Chefsessel verlassen, um sich gewissermaßen auf den Status eines Praktikanten zurückzuversetzen, dann zeigt das vor allem eines: Der Nachholbedarf beim Aufbau von IT-Wissen ist riesig. Kein führendes deutsches Medienunternehmen hat zum heutigen Zeitpunkt einen CTO (Chief Technical Officer) in seiner Führungsmannschaft, wie erst kürzlich Stephan Scherzer, Hauptgeschäftsführer des VDZ, auf einer Branchentagung betonte.

Einer Studie des VDZ und der Unternehmensberatung Kienbaum zufolge sind aus Sicht von IT- und Onlinespezialisten Unternehmen wie Google, Facebook und Amazon deutlich attraktivere Arbeitgeber als Verlage wie Gruner und Jahr, Axel Springer und Hubert Burda Media – hätte die Studie Buchverlage mit eingeschlossen, wäre deren Bewertung aus Sicht der IT-Spezialisten wohl kaum besser ausgefallen. Hinzu kommt, dass Medienunternehmen im Wettbewerb um Nachwuchskräfte und Berufsanfänger nicht eben mit den besten Gehaltsvoraussetzungen punkten können. Wie das aktuellste Ranking von gehaltsreporter.de (2013) zeigt, liegt das Bruttoeinstiegsgehalt für Hochschulabsolventen dort zwischen 27.000 und 39.000 Euro – in Unternehmen der Informationstechnik verdienen Berufsanfänger hingegen zwischen 34.000 und 43.000 Euro. Wie also soll sich IT-Wissen in den Verlagen aufbauen, wenn ein vernachlässigbares Budget dafür zur Verfügung steht?

IT-Wissen im Strategiemix verankern

Für Verlage „entwickelt sich IT von einer nachgeordneten Tätigkeit zu einer echten Führungsaufgabe“, sagt Ehrhardt F. Heinold von der Unternehmensberatung Heinold, Spiller & Partner. Will ein Verlag beispielsweise ein Content Management System anschaffen, um daraus Medien für die digitale Vermarktung zu publizieren, muss vorab die Frage geklärt werden, welche Produkte in welcher Weise vermarktet werden sollen. „Ich kenne wenige Verlagsmanager, die solche Geschäftsmodelle vorab definiert haben“, so Heinold. Ob technische Lösungen – sei es die Herstellung von e-Books, die App-Entwicklung, das Kundenmanagement oder der Digitalvertrieb – als Dienstleistungen teilweise oder ganz eingekauft werden: Das Projektmanagement selbst muss vorab und verlagsintern erfolgen, wofür tiefgreifendes technisches Know-how auf Führungsebene die Voraussetzung bildet. Für diese Erkenntnis allein müssen Verlagsmanager freilich nicht ins Silicon Valley reisen; ganz abgesehen davon, dass dies für mittelständische Unternehmen nicht annähernd in dem Maße realisierbar ist, wie es der Axel Springer Verlag vollführt. Aber das Bewusstsein dafür, dass IT-Wissen im Strategiemix fest verankert werden muss, ist für die Zukunftsfähigkeit der Verlage einer der entscheidenden Erfolgsfaktoren.

IT-Quote statt Frauenquote

In den vergangenen Monaten ist in Politik und Medien fortwährend über eine gesetzlich geregelte Frauenquote diskutiert worden – obwohl weibliche Führungskräfte, auch und erst recht im Verlagswesen, längst keine Ausnahme mehr sind und diese selbst die Meinung vertreten, dass Kompetenz und Leistung bei der Stellenbesetzung die entscheidenden Kriterien sein sollten. Erst im April dieses Jahres ist Julia Jäkel in den Stand der alleinigen Vorstandsvorsitzenden des Hamburger Gruner + Jahr Verlages (Bertelsmann) erhoben worden – ein aktuelles Beispiel dafür, dass sich Frauen gerade im Verlagswesen längst ihre berechtige Gleichstellung erarbeitet haben. Dringlicher wäre dahingegen der Ruf nach einer IT-Quote in den Verlagen: Ein Mindestmaß an IT-Wissen sollte Pflicht und nicht Kür für Verlage sein – ob weibliche oder männliche Fachkräfte dafür akquiriert werden, ist gänzlich irrelevant.

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