Die Zukunft der Fachverlage: Im Gespräch mit Dr. Niels Peter Thomas

indition: Wie schätzen Sie die Entwicklung des Marktes für Fachbücher in Deutschland in den kommenden zehn Jahren ein?

Dr. Niels Peter Thomas

Dr. Niels Peter Thomas kam im Jahr 2005 zu Springer Science+Business Media. Nach Stationen in Heidelberg und Beijing, China leitet er nun den STM-Geschäftsbereich German Language Science. Der Bereich publiziert jährlich über 2.000 deutschsprachige Fach-, Lehr- und Sachbücher sowie wissenschaftliche Zeitschriften, und ist Anbieter von Fachdatenbanken und Bildungsdienstleistungen.

Dr. Niels Peter Thomas: In den letzten Jahren ist der Markt für deutschsprachige Fachbücher über alle thematischen Disziplinen hinweg kontinuierlich geschrumpft. Das hat vielfältige Ursachen. Um nur zwei exemplarisch zu nennen: In der Wissenschaft wird mehr und mehr in englischer Sprache geschrieben und gelesen – so zum Beispiel bei Lehrbüchern, bedingt durch die Entwicklungen in der Lehre. Hier ist das Stichwort global vergleichbare Bachelor- und Masterstudiengänge zu nennen. Darüber hinaus ist die Anzahl der Buchhandlungen bei gleichzeitiger Erweiterung von kostenlosen Angeboten an Informationen im Internet gesunken. Das muss allerdings nicht heißen, dass der Markt auch in Zukunft schrumpft, denn die Nachfrage nach hochwertigen Fachinformationen ist nach wie vor stark. Es ist gut vorstellbar, dass Titelanzahlen wieder steigen werden – eben wenn es gelingt, mit den Fachbuchangeboten die konkreten Probleme der Kunden zu lösen, und das richtige Medienformat in der richtigen Situation anzubieten.

indition: In welchen Bereichen (Herstellung, Lektorat, Marketing usw.) sehen Sie den größten Innovationsbedarf bei Fachverlagen?

Thomas: Die Herstellung ist beispielsweise ein Geschäftsbereich, der einem kontinuierlichen Innovationsbedarf unterliegt. Denn wer sich als Verlag technisch nicht weiterentwickelt, wird in Zeiten der Digitalisierung auf Dauer nicht bestehen können. Noch wichtiger allerdings ist Noch wichtiger allerdings ist die Entwicklung von neuen Geschäftsmodellen, um Fachinformation im richtigen Format auf dem richtigen Kanal an die richtigen Kunden zu verbreiten, was immer diversifizierter wird. Dies wird mal elektronisch, mal gedruckt sein, mal als Kauf, mal im Subskriptionsmodell, einzeln oder im Paket, eventuell in Kooperation mit Wettbewerbern. Hier ist bei den allermeisten Fachverlagen die Kreativität noch lange nicht ausgereizt.

indition: Welche konzeptionellen Ansätze sind speziell für Springer die richtigen?

Thomas: Unser grundlegender Ansatz ist die größtmögliche Flexibilität. Sprich, wir glauben, dass Leser in verschiedenen Lebenssituationen unterschiedliche und mitunter ganz spezifische Informationsbedürfnisse haben, die nur durch eine große Varianz an Medienformaten und Geschäftsmodellen befriedigt werden können. Daher ist es unser Ansatz, aus einer einheitlichen Content- Quelle heraus möglichst viele parallele Angebote zu erstellen, und den Leser selbst entscheiden zu lassen, ob er ein bestimmtes Kapitel unmittelbar elektronisch benötigt, über eine Flatrate alle neuen Titel eines bestimmten Programmbereiches lesen oder im Buchladen „um die Ecke“ sein gedrucktes Springer-Buch kaufen möchte. Für Springer als einer der größten eBook-Verlage der Welt ist es möglich, alle diese Modelle zu verfolgen, und so für eine größtmögliche Verbreitung zu sorgen.

indition: Fachinformationsdienste und Wissensplattformen im Internet stellen für das Fachbuch eine wachsende Konkurrenz dar. Mit welchen Angebotsformen können Fachverlage darauf reagieren?

Thomas: Online-Fachinformationsdienste sind keine Konkurrenz für das Fachbuch, denn sie sind untrennbar mit dem Fachbuch verbunden. Wir sollten hier nicht von Substitution, sondern vielmehr von Ergänzung sprechen – im Grunde genommen wie immer: wenn ein neues Medium auf den Markt tritt, hat es ein altes noch nie verdrängt, sondern ergänzt sowie zu einer Neuverteilung des Mediennutzungsverhaltens aufseiten der Rezipienten geführt. Für den Kunden ist es zentral wichtig, seine konkrete Frage beantwortet oder sein spezifisches Problem möglichst schnell und umfassend gelöst zu bekommen. Gut aufbereitete qualitativ hochwertige Inhalte sind und bleiben demnach der Schlüssel. Es macht Sinn, ein gedrucktes oder elektronisches Fachbuch als Grundbaustein einer größeren Ansammlung von guten Inhalten zu sehen. Der Schritt zur Wissensplattform, die es bei uns mit unserem Wissensportal „Springer für Professionals“ für die deutschsprachigen Inhalte übrigens bereits gibt, ist nicht mehr weit, sondern logisch.

indition: Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit ein Fachverlag sich sukzessive zu einem breit aufgestellten Dienstleister für Fachinhalte entwickeln kann?

Thomas: Für ein breit aufgestelltes Dienstleistungsspektrum im Rahmen von Online-Fachinhalten ist eine aufwändige Plattform notwendig, die eine Vielzahl an Geschäftsmodellen unterstützt. Daher ist die wohl wichtigste Voraussetzung die Fähigkeit zur Investition in eine solche technische Digitalplattform. Hat man diese Möglichkeiten nicht, kann eine starke Fokussierung auf ein bestimmtes Segment im Fachinformationsmarkt richtig sein, um seine Kunden genau zu kennen und die fehlende Plattform durch passgenaue Inhalte wett zu machen. Zunehmend mehr Fachbuchautoren entscheiden sich für Self-Publishing.

indition: Was spricht aus Ihrer Sicht im Fachbuchbereich für bzw. gegen Self-Publishing-Plattformen von Fachverlagen?

Thomas: Wer als Verlag eine Self-Publishing-Plattform unterhält, verzichtet auf eine spezielle Dienstleistung: die Qualitätsauslese. Da die Wertschöpfung dieser Dienstleistung fehlt, ist das daraus resultierende Programm weniger wert, was einen Nachteil darstellt. Insbesondere in der Wissenschaft und Fachinformation spielt das eine nicht unerhebliche Rolle, da geprüfte Inhalte ein hohes Kriterium für Qualität sind. Vorteil einer Self-Publishing-Plattform hingegen ist natürlich die steigende Menge der publizierten Werke, was den Wert erhöht. Welcher Effekt stärker ist, und damit auch, welche Strategie für welchen Verlag die richtige ist, hängt vom restlichen Programm sowie von der Wahrnehmung der Verlagsmarke bei Autoren und Lesern ab und kann sicherlich nicht pauschal für alle Fachverlage beantwortet werden.

indition: Was halten Sie von Plattformen, auf denen Fachbuchverlage Autoren zunächst eine Buchveröffentlichung unter Zweitmarke anzubieten, um sie dann bei Erfolg in das eigentliche Verlagsprogramm?

Thomas: Das ist ein interessantes Hybrid-Modell und die Vorteile für Autoren und Verlag liegen auf der Hand. Dieses Modell wird sich meiner Meinung nach ganz sicher in verschiedenen Segmenten des Verlagswesens durchsetzen.

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