Hinterfragt: Die Quereinsteiger fehlen

Quereinsteiger sind in der Buchbranche die Seltenheit. Nachwuchskräfte werden bevorzugt aus buchwissenschaftlichen Studiengängen rekrutiert. Der Innovationskraft des Buchmarktes ist das wenig zuträglich.

„Die Digitalisierung setzt die Unternehmen im Buchmarkt einem hohen Veränderungsdruck aus. Einige Unternehmen reagieren darauf, indem sie der Veränderung ausweichen oder umso stärker an Traditionen festhalten.“ So lautet eine der Erkenntnisse der im März publizierten Studie „Strategische Innovation im Buchmarkt 2014“, durchgeführt von der Initiative „Books in Action“ und der Stuttgarter Hochschule der Medien in Kooperation mit dem Forum Zukunft des Börsenvereins.

Der Satz bringt auf den Punkt, was wohl nicht jeder Verleger offen zugeben würde: Die Innovationskraft der Buchbranche ist vergleichsweise schwach. Es vergeht kaum eine Woche, in der in den Medien nicht über ein neues Produkt oder Geschäftsmodell aus der Mobilfunkindustrie, dem Automobilbereich, der Lebensmittelbranche oder dem Spielwarenbereich berichtet wird. Aber Verlage? Fehlanzeige.

Dass es in Verlagen und Buchhandel an neuen Impulsen mangelt, ist nicht zuletzt ein strukturelles Problem. Jede Branche lebt durch Quereinsteiger. Verlage aber rekrutieren ihren Nachwuchs zu großen Teilen aus (unterbezahlten) Praktika und Volontariaten, Studiengängen der Buch- und Medienwissenschaft und den Geisteswissenschaften. Wissen und Kompetenz dieser Nachwuchskräfte sind für die inhaltliche Arbeit am Buch unverzichtbar – doch nur flankiert durch kaufmännisches und technisches Fachwissen. Wird in einem ewigen Kreislauf nur Wissen über den Status Quo gelehrt, sind die Voraussetzungen für neue gedankliche und strategische Ansätze denkbar schlecht.

Die ewige Treppe_Hinterfragt

Rekrutieren Verlage ihre Mitarbeiter vor allem aus buchwissenschaftlichen Studiengängen, fehlen neue Impulse – während neue Dienstleister mit frischen Konzepten die traditionellen Branchenvertreter überflügeln.

Ein Beispiel: Unter den Lehrveranstaltungen des Wintersemesters 2013/2014 für buchwissenschaftliche Studiengänge an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität fand sich ein einziges Seminar, das sich dem Thema Betriebswirtschaft widmet. „In der Kürze der Zeit können aus den BWL-Funktionsbereichen nur spezifische Ausschnitte der gesamten Betriebswirtschaftslehre behandelt werden“, ist dort vermerkt. Wird übergreifendes Fachwissen in buchwissenschaftlichen Studiengängen nicht ausreichend gelehrt, so bedarf es eines Personalzugangs aus buchfernen Bereichen. Doch die Gehaltsaussichten im Verlagswesen sind im Vergleich zu anderen Branchen für Betriebswirtschaftler oder Informatiker wenig attraktiv und Quereinsteiger dementsprechend schwierig zu rekrutieren.

Dass die Branche somit im eigenen Saft schmort, zeigt sich im Umgang mit neuen Trends und Entwicklungen. „Self-Publishing: Bedrohung oder Chance für Verlage?“ lautete der Titel einer Konferenz auf den diesjährigen Buchtagen in Berlin, dem regelmäßig vom Börsenverein ausgerichteten Branchentreffen. Schon vor drei Jahren stand Self-Publishing für ca. 14 Prozent der gedruckten Neuerscheinungen im deutschen Buchmarkt – 2013 waren es bereits 23 Prozent. Die Frage nach der Bedeutung des Self-Publishing kommt also reichlich spät. Eine Gegenfrage lautet vielmehr: Weshalb wird die Möglichkeit, Bücher selbst und unkompliziert zu veröffentlichen, überhaupt als „Bedrohung“ angesehen? Verlage haben vielfältige Möglichkeiten, ihre Expertise in diesem Segment auszuspielen und daran teilzuhaben. Hinterfragt Rekrutieren Verlage ihre Mitarbeiter vor allem aus buchwissenschaftlichen Studiengängen, fehlen neue Impulse – während neue Dienstleister mit frischen Konzepten die traditionellen Branchenvertreter überflügeln.

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