Im Gespräch mit dem Journalisten und Autor Murat Ham

Murat Ham ist Diplom-Politikwissenschaftler und Journalist und hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht, zunächst in traditionellen Verlagen, dann im Self-Publishing. Sein Werk „Fremde Heimat Deutschland – Leben zwischen Ankommen und Abschied“ war für den Karlsruher Buchpreis 2012 nominiert.

Murat Ham

Murat Ham schätzt die Flexibilität, die Self-Publishing mit sich bringt

indition: Sie haben zahlreiche Bücher bei traditionellen Verlagen veröffentlicht, unter anderem bei Bastei Lübbe. 2012 haben Sie sich für das Self-Publishing entschieden. Welche Vor- und Nachteile ergeben sich für Autoren durch Self-Publishing?

Murat Ham: Traditionelle Verlage werden von Manuskripten weiterhin überflutet und nur wenige werden angenommen. Heute aber können sich Autoren über Self-Publishing auf dem Buchmarkt beweisen. Die Autoren behalten die volle Kontrolle über alle Prozesse des Publizierens. Zum Beispiel: Lektorat, Formatierungen, Coverdesign, Entscheidung über die angebotenen Formate (Hardcover, Paperback oder auch eBook) und Zusammenarbeit mit selbst ausgewählten Grafikern.

Zudem haben Autoren beim Self-Publishing mehr Freiheiten. Sie können außergewöhnliche Themen abseits des Mainstreams veröffentlichen, die sich an ein Nischenpublikum richten. Oft verbleiben alle Rechte beim Autor, der zumeist auch einen deutlich höheren Anteil der Verkaufserlöse erhält. Manche Verlage zahlen ein garantiertes Honorar als Vorschuss. Das fällt beim Self-Publishing komplett weg und die Autoren müssen ihre Bücher selbst aktiv bewerben. Die Welt wartet nicht auf eine hochgeladene eBook-Datei. Eigenes Marketing der Autoren für ihre Bücher ist beim Self-Publishing erfolgsentscheidend.

Neue Vertriebswege schaffen Freiräume

indition: Wie offen sind Autoren, die bei traditionellen Verlagen ihre Bücher herausgeben, für Self-Publishing?

Murat Ham: Professionelle Autoren und Journalisten wissen meist genau, wie sie schreiben müssen, um Geld zu verdienen. Mein Kollege und Bestsellerautor Akif Pirinçci („Felidae“) nimmt mittlerweile auch Self-Publishing in Anspruch – und er ist weiterhin erfolgreich. Das heißt: Sehr gute Autoren sind entweder Self-Publisher – oder sie haben einen Vertrag bei traditionellen Verlagen. Pauschale Kategorien sind nicht aussagekräftig. Außerdem können beim Self-Publishing bessere Tantieme erreicht werden.

indition: Wie wird sich der Self-Publishing-Markt entwickeln?

Murat Ham: Die Ausdifferenzierung der Vertriebswege ermöglicht dem Einzelnen viel mehr Freiräume beim Publizieren. Heute kann es reichen, eine Datei auf eine jeweilige Plattform hochzuladen. Die Konvertierung des Manuskriptes in ein e-Book, das Einstellen des Buches auf andere Verkaufsplattformen und die Vergabe einer ISBN-Nummer übernimmt der jeweilige Anbieter in der Regel gegen eine entsprechende Beteiligung am Verkaufspreis.

indition: Welches Risiko bedeutet für Autoren das zum Teil schlechte Image des Self-Publishing?

Murat Ham: Aufgrund der niedrigen Markteintrittsbarrieren gibt es im Self-Publishing qualitativ hochwertige Texte genauso wie schlechte Stoffe. Traditionelle Verlage schauen deshalb nach wie vor oft auf Autoren herab, die ihre Bücher selbst herausgeben. In Zukunft wird es im Self-Publishing mehr Qualitätskontrollen geben, wovon vor allem die Leser profitieren werden. Davon abgesehen hängt die Qualität einer Publikation nicht davon ab, ob der Autor bei einem traditionellen Verlag publiziert oder nicht. Spätestens seit Amazon mit seiner Plattform Kindle Direct Publishing in den Markt eingestiegen ist, wurde ein Imagewechsel angestoßen.

Tipp von Murat Ham: Vermarktung ist entscheidend

indition: Welchen Einfluss hat Self-Publishing auf die Buchbranche?

Murat Ham: Self-Publishing gilt nicht nur für eine kleine Gruppe von Autoren, sondern wir können von einem fortlaufenden Trend sprechen. Diese Erkenntnis habe ich auch in vielen Gesprächen mit Experten in New York, Los Angeles, Zürich, Berlin und Istanbul gewonnen: Zum Beispiel mit Autoren wie Mark Coker, André Hille und Wolfgang Tischer. Der Erfolg von Self-Publishing-Plattformen steht genauso für die wachsende Bedeutung des Segmentes wie das Bemühen traditioneller Verlage, sich im Self-Publishing zu etablieren. Ein Beispiel dafür ist die Onlineplattform neobooks.com der Verlagsgruppe Droemer Knaur, auf der Autoren ihre Texte online vorstellen und von der Benutzer-Community bewerten lassen können.

Die Tatsache, dass e-Books künftig ihren selbstverständlichen Platz im Alltag einnehmen und mobile Endgeräte stetig für das Lesen optimiert werden, ist dem Self-Publishing ebenfalls zuträglich. Ich sehe langfristig ein Nebeneinander beider Publikationsformen. Aber manche bisher üblichen Modelle werden wir bald überlebt haben, zum Beispiel den häufigen Ansatz, einen Druckkostenzuschuss von den Autoren zu verlangen.

Bisherige Erfolge im Self-Publishing zeigen vor allem eines: Autoren, die ihre Bücher selbst vermarkten, können genauso Bestseller platzieren, wie es traditionelle Verlage tun. Beispiele dafür sind die US-Autoren Hugh Howey und Amanda Hocking, die auf dem Wege des Self-Publishing zu Bestsellerautoren avancierten.

 

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