Manuskripte als Schlüssel für das Talentscouting

Seit fast 30 Jahren hat Deutschland keinen Weltbestseller hervorgebracht – statt dessen werden vielfach teure Lizenzen im Ausland eingekauft. Weshalb nutzen Verlage nicht die Chance, aus der Vielzahl eingereichter Manuskripte schriftstellerische Talente zu identifizieren und somit hauseigene Verkaufserfolge zu generieren?

Aus vermeintlich unscheinbaren Manuskripten können Topseller werden

Wo bleibt ein internationaler Topseller aus Deutschland? Viele englischsprachige, spanische oder skandinavische Titel erreichen herausragende Verkaufserfolge. Titel aus Deutschland können da nicht mithalten.

In Bibliotheken fühlt man sich „wie in der Gegenwart eines großen Kapitals, das geräuschlos unberechenbare Zinsen spendet“, schrieb Johann Wolfgang Goethe 1801 anlässlich eines Besuches in der Bibliothek der Universität Göttingen. Nebst Schriftstellern wie Friedrich Schiller, Heinrich Heine oder Thomas Mann wird Goethe oft als Paradebeispiel für das klassische Image Deutschlands als „Land der Dichter und Denker“ angeführt. Spiegelt sich dieser ehrenwerte Ruf auch heute noch in den Buchprogrammen deutscher Verlage und in den nationalen und internationalen Bestsellerlisten wider?

Namen wie Dan Brown, Ken Follet, Stephen King, Stieg Larsson, Jussi Adler-Olsen oder Ally Condie sind dort zu finden – damit seien nur einige wenige Beispiele ausländischer Autoren angeführt, die dem Buchmarkt in der Vergangenheit oder ganz aktuell Verkaufserfolge bescherten. Unbestritten haben auch deutsche Autorinnen und Autoren in den vergangenen Jahren Bestseller hierzulande hervorgebracht. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Verlage im großen Stil teure Lizenzen einkaufen anstatt in größerem Maße schriftstellerische Talente im eigenen Land zu fördern und auf diese Weise – mit Goethes Worten gesprochen – ein „Kapital“ zu nutzen, das direkt vor der Tür liegt.

Wo bleibt ein internationaler Topseller aus Deutschland?

Beim Blick auf den internationalen Buchmarkt wird dies noch deutlicher: Während insbesondere US-amerikanische aber auch britische, spanische oder skandinavische Autoren echte Weltbestseller platzierten, sind internationale Verkaufsschlager, die aus Deutschland stammen, Mangelware. Unter den etwa 80 internationalen „Fiction“-Autoren, die laut Wikipedia mindestens 100 Millionen Bücher verkauft haben, finden sich mit Hermann Hesse und Karl May nur zwei deutsche Schriftsteller und damit kein einziger Gegenwartsautor. Demgegenüber haben die US-amerikanischen und britischen Buchmärkte in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zahlreiche Bestsellerautoren wie Dan Brown, John Grisham oder J.K. Rowling hervorgebracht. So hat die Schöpferin von Harry Potter laut AFP fast 350 Millionen Exemplare ihrer Fantasy-Serie in 65 Sprachen verkauft. Nicht minder erwähnenswert sind die Verkaufserfolge von „Shades of Grey“ der britischen Autorin E.L. James (ca. 70 Mio. Ex. bis Ende 2012) Stephenie Meyers „Twilight-Saga“  (ca. 40 Mio. Ex.) oder der Eragon-Tetralogie von Christopher Paolini (34 Mio. Exemplare).

Das Parfum ist der letzte deutsche Weltbestseller

Lang ist’ s her: Der 1985 erschienene Roman „Das Parfum“ von Patrick Süßkind ist der letzte deutsche Weltbestseller.

Kein einziger deutscher Gegenwartsautor erreicht annähernd diese Größenordnungen und die Tatsache, dass die deutsche Sprache im Gegensatz zum Englischen weitaus weniger verbreitet ist, kann nur eine unzureichende Erklärung dafür sein. Im Wikipedia-Ranking der weltweit erfolgreichsten Bücher aller Zeiten mit je über zehn Mio. verkauften Exemplaren taucht einzig und allein der bereits 1985 erschienene Roman „Das Parfum“ von Patrick Süßkind auf. Der Titel verkaufte sich laut dem Schweizer Diogenes Verlag weltweit über 20 Mio. Mal. Seit 28 Jahren ist demnach in Deutschland kein Buch mehr erschienen, das sich als Weltbestseller betiteln ließe.

Verlage werden zu Talentscouts

Insbesondere im englischsprachigen Markt gibt es Erfolgsgeschichten, die die Schlagkraft des Self-Publishing belegen – etwa diejenige von Jennifer L. Armentrout. Die US-Autorin veröffentlichte zunächst einige Bücher bei traditionellen Verlagen, bevor sie im Februar 2013 die Romanze „Wait for you“ als eBook im Selbstverlag herausgab. Intensives Marketing samt Preispromotion bewirkte, dass der Titel schon im Folgemonat auf Platz 1 der „e-book best-Seller list“ der Branchenplattform Digital Book World stand. Noch im März erwarb Harper Collins die Rechte an einer auf dem Buch basierenden Trilogie für einen hohen sechsstelligen Betrag, wie das Wirtschaftsmagazin Forbes berichtete. Auch bei Harlequin und Hpyerion werden 2013 bzw. 2014 Bücher von ihr erscheinen.

Die US-Autorin Bella Andre, die im Programm des zu Harlequin gehörenden Imprints Mira vertreten ist, vollzog eine ähnliche Karriere. Nachdem ihre Verträge bei traditionellen Verlagen nicht verlängert worden waren, gab sie ihre Bücher selbst bei Amazon heraus. Laut einem Bericht der Branchenplattform Artshub verkaufte sie über 1,5 Mio. e-Books und stieg damit in die Top 5 der Bestsellerlisten von Amazon, Apple, Barnes & Noble und Kobo auf – was ihr schließlich den Deal mit Mira einbrachte.

10.000 Manuskripte auf dem Ablagestapel

Im Self-Publishing steckt also ein beachtliches Umsatzpotenzial für traditionelle Verlage. Es liegt auf der Hand, die eigene, über Jahrzehnte erworbene Markenstärke dafür zu nutzen, ergänzend zum eigenen Verlagsprogramm oder damit verbunden ein Self-Publishing Programm zu etablieren. Literarischer Stoff dafür ist in Hülle und Fülle vorhanden, doch bedeutet er derzeit für die Verlage einen reinen Kostenfaktor und viel Zeitaufwand. Schätzungsweise 10.000 unverlangt eingesandte Manuskripte im Jahr laufen z.B. eigenen Angaben zufolge bei den Frankfurter S. Fischer Verlagen auf. „Hinzu kommen natürlich die vielen Manuskripte, die auf anderem Wege in unsere verschiedenen Lektorate kommen, aus dem In- und Ausland, über Verlage, Agenturen und Autoren“, sagt Martin Spieles, Leiter Kommunikation bei S. Fischer.

Eine Schublade voller Manuskripte: Hier schlummert Umsatzpotenzial

Eine Umfrage von indition unter deutschsprachigen Publikumsverlagen 2013 ergab, dass diese bis zu 10.000 unverlangt eingereichte Manuskripte pro Jahr erhalten. In der Regel wird kein einziges davon veröffentlicht.

Die Flut an Einsendungen wird noch deutlicher, bricht man sie auf die durchschnittlich pro Woche eingehenden Texte herunter. So erreichen den Suhrkamp Verlag etwa 70 bis 100 Manuskripte pro Woche, die zum größten Teil unangefragt eingehen. Kein einziges dieser pro Jahr bis zu 5.000 Manuskripte hat in den vergangenen Jahren den Weg in das Verlagsprogramm von Suhrkamp gefunden. Dabei beschäftigt der Frankfurter Verlag eine Mitarbeiterin die sich nur mit der Sichtung dieser Manuskripte befasst – die anschließend auf dem Ablagestapel landen.

Der Schweizer Diogenes Verlag, bei dem pro Woche im Schnitt 200 Autorinnen und Autoren ihr Glück versuchen – zumeist ohne Erfolg – weist darauf hin, dass dies „nicht abschrecken sollte“. Wohl wahr: Heute weltbekannte Autoren wie Ingrid Noll, Bernhard Schlink, Erich Hackl oder Andrej Kurkow wurden auf dem postalischen Weg von Diogenes entdeckt. Das sind „Ausnahmebeispiele“, die berühmte „Nadel im Heuhaufen“, würden nun viele Verleger entgegnen.

Es wäre allerdings weitaus einfacher, solche Juwelen ausfindig zu machen, indem die Vielzahl der Manuskripte nicht auf der Ablage landet, sondern als Chance erkannt wird, Umsatzpotenzial zu erschließen und an einem Segment teilzuhaben, das den traditionellen Verlagen zunehmend Marktanteile entzieht. Für die Literaturagenturen, deren Geschäftsgrundlage es ist, neue Autorentalente zum richtigen Zeitpunkt dem passenden Verlag vorzustellen, bedeutet Self-Publishing schon jetzt ein Risiko. Zudem werden vielversprechende Autoren künftig immer weniger Geduld dafür aufbringen, dass ihr Manuskript über Monate oder Jahre im Agentenkoffer durch die Verlagsnation gefahren wird.

Gute Stories können durch die Lappen gehen

Tausende Manuskripte zu sichten verlangt reichlich Ausdauer

Auf dem Manuskriptmarathon: Nicht wenige Verlage beschäftigen einen Mitarbeiter oder eine          Mitarbeiterin auschließlich für die Sichtung unverlangt eingereichter Manuskripte…

Dass traditionelle Verlage gar keines oder nur einen Bruchteil eingesandter Manuskripte ins Programm aufnehmen, ist oft auf eine unzureichende Qualität des Textes oder eine mangelnde Orientierung der Autoren am Verlagsprofil zurückzuführen. „Natürlich kann uns dabei auch eine richtig gute Geschichte durch die Lappen gehen“, sagt Maren Christopeit, bei Rowohlt für die Sichtung dieser Texte zuständig.

In den vergangenen 15 Jahren sind im Programmbereich Belletristik von Rowohlt zwei Texte aufgenommen worden, die unverlangt im Briefkasten des Verlags landeten – bei insgesamt durchschnittlich 3.000 unaufgefordert eingereichten Manuskripten über alle Programmbereiche pro Jahr. Für den Bereich Sachbuch erachtet Rowohlt demgegenüber jährlich eines der Manuskripte als geeignet für die Veröffentlichung. Gerade bei Themen von hoher Aktualität und politischer oder gesellschaftlicher Relevanz wäre es wünschenswert, noch mehr potenziell erfolgreiche Titel aus dem Manuskript-Pool zu fischen.

Viele Texte sichten und nahezu keinen veröffentlichen: Das bedeutet Verschwendung von Kapazitäten

… und schlussendlich wird nur ein Bruchteil der Texte auch veröffentlicht. Im Rahmen von Self-Publishing könnten tausende Manuskripte monterisiert werdne.

Das Dilemma aus Kapazitätsengpässen, finanziellem Risiko und der Gefahr, Flops zu landen, lässt sich lösen, indem traditionelles Verlagswesen und Self-Publishing verknüpft werden.  Das Konzept von Buchtalent – einem neuen Geschäftsmodell, das es Verlagen  ermöglicht, die Kosten für die Manuskriptbearbeitung in Ertrag umzuwandeln.

Das Prozedere dabei ist einfach: Verlage können Autoren, deren Bücher sie (vorerst) nicht in das eigene Verlagsprogramm übernehmen möchten, an das Portal Buchtalent vermitteln. Mit einem „Buchtalent-Code“ veröffentlichen Autoren dort ihr Buch kostenfrei. Alle bei Buchtalent publizierten Bücher erscheinen als Paperback, Hardcover und eBook und werden national und international über die gängigen Buchhandelswege vertrieben.

Am Verkaufserfolg der von ihnen vermittelten Bücher sind die Verlage beteiligt. Verkauft sich ein Buch überdurchschnittlich gut oder passt dieses inhaltlich gut zum Programm, kann ein Verlag dem Autor jederzeit ein Angebot machen und den Titel übernehmen. So können Verlage nicht nur Talente entdecken und an sich binden, sondern zugleich Interessentrends der Leser frühzeitig erkennen und darauf reagieren.

Der (Kosten-)Aufwand, der Verlage bisher daran hindert, unverlangt eingereichte Manuskripte ausführlich zu sichten, entfällt. Zum einen da die Teilnahme an Buchtalent kostenlos ist, zum anderen da Buchtalent die komplette Autorenbetreuung von der Anfragenbeantwortung über die Buchprüfung und Veröffentlichung bis zur Autorenabrechnung übernimmt. Verlage können täglich die Verkaufsentwicklungen von ihnen vermittelter Bücher auf Buchtalent beobachten – und jederzeit die Chance ergreifen, das „Kapital, das geräuschlos Zinsen spendet“ in Verkaufsschlager umzuwandeln, die laut in der eigenen Kasse klingeln und Autor, Verlag, Handel und Leserschaft gleichermaßen Freude bereiten.

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *