In medias res: Wie lernt sich’s in der Autorenschule?

Man lade Hobbyschreiber und Self-Publisher in die Autorenschule ein und feile an ihren schriftstellerischen Fähigkeiten – et voilà, so lassen sich vielversprechende Talente für das eigene Programm gewinnen. Ein Einblick in die Schreibwerkstätten von Bastei Lübbe und Rowohlt.

Die Schulbank drücken in der AutorenschuleHast Du etwa nicht den zweiten Teil von „Faust“ gelesen? Wie antwortet man auf diese Frage, ohne vor einem Schöngeist so richtig blöd da zustehen? Vielleicht zitiert man am besten Harry aus dem Film „Harry und Sally“: „Wenn ich mir ein neues Buch kaufe, lese ich die letzte Seite zuerst. Falls ich sterbe, bevor ich fertig bin, kenn’ ich wenigstens das Ende.“ Derlei Tipps für Bildungsmuffel und Halbwisser sind zahlreich im Ratgeber „Doof it yourself“ zu finden, den das Autorenduo Anne Weiss und Stefan Bonner 2010 herausgab. Hinter den Pseudonymen verbergen sich die einstigen Bastei Lübbe-Lektoren Ann-Kathrin Schwarz und Jan F. Wielpütz. Beide leiten seit 2013 gemeinsam die Bastei Lübbe Academy, eine neue TAutorenschule der Kölner Verlagsgruppe. Gewitzte Ratschläge, fehlendes Wissen elegant zu überspielen, sind freilich in Schreibseminaren für Autoren nicht angebracht. Humor aber in jedem Fall. „Jeder Kursteilnehmer soll auf seinen Text ein persönliches Feedback von uns bekommen. Das geht nur in einer vertrauensvollen Atmosphäre“, sagt Ann-Kathrin Schwarz.

Autoren wollen sich professionalisieren

Seit die Bastei Lübbe Academy als erste verlagseigene Autorenschule Anfang des Jahres ihre Pforten öffnete, haben etwa 200 lernwillige Schreiberlinge an den Seminaren teilgenommen – darunter Schnupperkurse für blutige Anfänger ebenso wie genrespezifische Seminare, in denen prominente Autoren wie Michael Peinkofer, Richard Dübell oder Andreas Eschbach ihre Expertise zu Fantasy, Spannung und Historienroman einbringen. Einmal abgesehen von den Einnahmen, die Bastei Lübbe dabei erzielt (je nach Seminartyp 99 bis 499 Euro pro Teilnehmer) ist es das langfristige Ziel des Verlages, über die Autorenschule talentierte Schreiber für das eigene Programm zu gewinnen. In zweierlei Hinsicht ist dies eine Reaktion auf den Trend zum Self-Publishing. „Verlage haben ein begrenztes Programm, insofern ist es nachvollziehbar, dass sich bereits viele Dienstleister für Self-Publishing im Markt etabliert haben“, sagt Ann-Kathrin Schwarz. „In einem sich wandelnden Markt steigt auf Autorenseite das Bedürfnis, sich weiter zu professionalisieren“, stellt sie fest. So nehmen in den Kursen viele Autoren teil, die Bücher selbst verlegt haben oder dies vorhaben, aber zugleich die Chance auf das Feedback erfahrener Lektoren und Autoren nutzen wollen.

Lust statt Frust

Als Ann-Kathrin Schwarz vor zehn Jahren in die Buchbranche einstieg, wurden in den Verlagen meist noch Absageschreiben an Autoren versandt, wenn ihre Manuskripte nicht auf Interesse stießen. Heute gibt es in solchen Fällen aus Kapazitätsgründen meist gar keine Reaktion der Verlage mehr. „Nichts ist frustrierender für einen Autor als keinerlei Feedback auf den eigenen Text zu erhalten“, befindet die Academy-Leiterin. Teilnehmer der gattungsspezifischen Seminare reichen vor dem Kursbeginn Exposés mit ihrer jeweiligen Romanidee ein, die dann im Seminar en détail besprochen werden. Hinzu kommen praktische Übungen, etwa das Verfassen von Klappentexten oder der Umgang mit Handlungsstrukturen und Figurenkonstellationen. „Im ersten Seminarprogramm konnten wir feststellen, dass viele Autoren dramaturgische Regeln als Einschränkung empfinden und weniger als Möglichkeit, die eigene Leistung und Kreativität noch zu steigern. Am Ende eines Seminars gibt es dann meist einen Aha-Effekt und die Teilnehmer erkennen, was mit dem eigenen Text alles möglich ist“, so Schwarz. „In Zeiten von Autorenforen und sozialen Netzwerken, in denen sich Ideen und Erfolgsbeispiele viral verbreiten, steigt diese Awareness für das Professionalisieren der eigenen Leistung und damit auch die Bereitschaft, in sie zu investieren“, ist die ehemalige Lektorin überzeugt.

Master gesucht

Das Konzept der Autorenschule ist für Bastei Lübbe bereits aufgegangen. Mehrere Kursteilnehmer wurden bereits als Autoren Schreiberlinge auf dem Weg zur Autorenschulefür digitale Serien des Verlags gewonnen – womit sich der Kreis wieder schließt. Denn die Idee für die Schreibwerkstatt entstammt der erst 2011 gegründeten Abteilung Bastei Entertainment, für die Jan F. Wielpütz als Cheflektor arbeitete. Prinzip dieser Content-Schmiede ist es, inhouse literarische Stoffe für den vornehmlich digitalen Vertriebsweg zu entwickeln. Und dafür braucht es Autoren. „Bei der Academy können wir vielversprechende Talente entdecken und unseren Lektoraten weiterempfehlen“, betont Schwarz. Um einen Autorenpool für den Verlag aufzubauen, wird auf das reguläre Seminarprogramm jetzt noch eine Masterclass aufgesetzt, für die acht Teilnehmer des ersten Ausbildungsjahrganges gescoutet wurden.

Innerhalb von zwölf Monaten schreiben die acht Autoren der Masterclass jeweils eine Folge für die digitalen Serien von Bastei Entertainment oder die Sparte der Romanhefte. Zudem entwickeln sie mit Unterstützung der Academy-Leitung sowie dem Dramaturgen Oliver Schütte und dem Bestsellerautoren Mario Gioardano ein Romanprojekt bis zur Marktreife. Schlussendlich werden die einzelnen Projekte den Lektoren von Bastei Lübbe vorgestellt, die darüber entscheiden, ob sie eine der Stories in das Verlagsprogramm aufnehmen – falls nicht haben die Teilnehmer ein fertiges Projekt in der Tasche, mit dem sie sich bei anderen Verlagen bewerben können. „Die Masterclass ist ein Pilotprojekt und für die Teilnehmer derzeit gratis. Wenn weiterhin große Nachfrage besteht, werden wir sie regelmäßig durchführen und mit einem Auswahlverfahren für talentierte Autoren öffnen“, kündigt die Academy-Leiterin an.

Wer schreibt den besten Krimi?

Eine Initiative vergleichbarer Art unternahm im November 2013 auch der Reinbeker Rowohlt Verlag. Im Rahmen einer dreitägigen Krimischule erhielten zehn Autorinnen und Autoren Tipps zum Verfassen eines spannenden Romanes. „Die Idee wurde im März geboren. Wir waren der Meinung, dass es sicher eine Menge talentierter Leute gibt, die nur ein bisschen Unterstützung brauchen, um ein interessantes Manuskript zustande zu bringen“, berichtet Bernd Jost, der gemeinsam mit Lektorin Nina Grabe die Krimischule durchführte. Die Qualität der insgesamt 400 Einsendungen sei erstaunlich hoch gewesen, zentrale Maßstäbe waren für Jost und Grabe dabei die Originalität der Story und die stilistische Qualität. „Während des dreitägigen Seminars haben wir alle für einen Roman wichtigen Elemente behandelt wie Exposé, Plot-Konstruktion, Figurencharakterisierung, Dialog, Romananfang, Titel wie auch die Kriterien der Lektoren und die Situation auf dem Buchmarkt besprochen.

Die Arbeit mit den Autoren war sehr angenehm, weil alle sehr viel Engagement gezeigt haben und ihren Texten kritisch gegenüberstanden, so dass wir jetzt auf die fertigen Manuskripte sehr gespannt sind“, so Jost. Einer der Romane wird im Programm von Rowohlt veröffentlicht werden. Die im November veranstaltete Krimischule war nicht das erste Seminar von Bernd Jost. Schon in früheren Jahren führte er diverse Seminare dieser Art für die Bertelsmann-Stiftung durch und entdeckte dabei unter anderem die heutige Historienroman-Autorin Petra Oelker. „Sie hatte sofort großen Erfolg, der bis heute angehalten hat“, stellt Bernd Jost fest.

Die Autorenschule inspiriert auch die Lehrenden

Während Bastei Lübbe mit großen Erwartungen die erste Masterclass durchführt, so ist auch Rowohlt gewillt, eine weitere Krimischule durchzuführen. Folgen weitere Verlage diesen Beispielen, könnte das die Kultur des Creative Writing – die in Deutschland weit weniger ausgeprägt ist als im englischsprachigen Raum – vitalisieren. Nicht umsonst werden Ann-Kathrin Schwarz und Jan F. Wielpütz, an der Bastei Lübbe Academy künftig auch ein Seminar unter dem Titel „Romanwerkstatt“ anbieten, dessen Lehrinhalte bewusst nicht an ein spezifisches Genre gebunden sind.

Die kreative Arbeit mit den Kursteilnehmern wirkte nicht zuletzt auch auf die Academy-Leiter inspirierend. Nicht, dass ein Kursteilnehmer zu einer -teilnehmerin in heißer Liebe entbrannt wäre und daraus nun ein Liebesroman entstünde. Vielmehr regten die auf Belletristik ausgerichteten Seminare das Autorenduo dazu an, ihr nächstes gemeinsames Sachbuch erzählerischer zu gestalten. Im September 2014 wird es erscheinen. Wie sagte schon Seneca: „Beim Lehren lernt man.“

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