Amazons Eintritt in den stationären Buchhandel – Bedrohung oder Segen?

Für viele war es eine Überraschung: Der weltgrößte Online-Händler eröffnet seinen ersten Buchladen, in Seattle, der Stadt also, in der das Unternehmen 1994 gegründet wurde. Wie aber ist dieser Schritt in den stationären Buchhandel zu werten?

Online - Buchhandel

© Fotolia, Ingo Bartussek

„Amazon Books – der Buchladen ohne Wände“

Gerüchte gab es schon länger, jetzt ist es so weit – Amazon hat seinen ersten Offline-Buchladen „Amazon Books“ in der Heimatstadt des Konzerns Seattle eröffnet. Sieben Tage die Woche können die Kunden dort nun nicht nur Bücher online bestellen, sondern auch vor Ort kaufen. Amazon selbst bezeichnet den Shop als „Buchladen ohne Wände“, tausende von Büchern werden vor Ort präsentiert, weitere Millionen Titel sind online verfügbar. Zu jedem Buchtitel, der in der Buchhandlung präsentiert wird, gibt es eine Rezension, die online zu dem Buch verfasst wurde. Die ausgestellten Bücher sind entweder besonders gut bewertet oder werden aufgrund der hohen Beliebtheit, bspw. berechnet nach der Anzahl an Wunschlisten auf denen ein Buch steht, herausgefiltert.

Was treibt den Online-Riesen dazu an, ausgerechnet einen analogen Buchshop zu eröffnen?

Amazon Ironischerweise mussten dank Amazon ja bereits viele kleine Buchhandlungen schließen und selbst eine Branchen-Größe im amerikanischen Buchmarkt wie Barnes & Noble musste in Seattle 2011 die Filiale im Universitiy Village aufgeben – genau dort, wo jetzt Amazon Books die Türen geöffnet hat. Laut der Seattle Times, die im Interview mit Jennifer Cast, der stellv. Präsidentin von Amazon Books, sprach, sind die Beweggründe vor allem darin zu sehen, dass Amazon durch seinen Zugriff auf Millionen von Verkaufsdaten davon ausgeht, keine Ladenhüter im Shop stehen zu haben, sondern aufgrund der positiven Bewertungen oder der Beliebtheit eines Artikels nur gut verkäufliche Bücher für den Offline-Verkauf ausgewählt werden. Computerbild nennt zudem den Punkt, dass vor allem die Kombination aus Online- und Offline-Handel als vielversprechend erscheint und demnach der Shop diesem Aspekt Rechnung trägt. Die Erkenntnisse basieren auf der Marktforschung, die Amazon umfassend betrieben hat.

Das Handelsblatt sieht in der Öffnung des Amazon-Shops eine weitere Bedrohung für den Buchhandel – doch was impliziert dieses Vorgehen von Amazon darüber hinaus noch? Den ersten Schritt Amazons in den stationären Buchhandel? Wahrscheinlich nicht. Man kann wohl zunächst von einem Experiment ausgehen, das für Amazon weitere Daten und Informationen über das Kaufverhalten der Kunden gewinnen kann. Zum anderen ist Amazon durch einen stationären Shop und eine umfassende Auswertung des Kundenverhaltens imstande, genau das passende Angebot auf die Nachfrage anzubieten, die vorab ermittelt wurde. Ob der Schritt in den stationären Buchhandel ein dauerhaftes Projekt für Amazon ist, bleibt abzuwarten.

Stationärer Buchhandel weiterhin wichtigstes Segment im Buchhandel

Für uns bleibt es die Bestätigung, dass eben nicht nur der Online-Handel zählt, sondern vor allem auch der stationäre Buchhandel mit den physisch vorhandenen Produkten eine wichtige Rolle spielt. Trotz aller Unkenrufe und Shopschließungen ändert sich nichts daran, dass der stationäre Buchhandel als größter Vertriebsweg im Buchhandel bestehen bleibt. Der Anteil am Gesamtmarkt ist 2014 sogar wieder gestiegen – auf 49,2 Prozent. Damit bleibt das Sortiment der wichtigste Vertriebskanal für Bücher. Im Vergleich dazu hat der Onlinebuchhandel im selben Zeitraum einen deutlichen Umsatzrückgang, von 3,1 Prozent, zu verbuchen. Der Umsatzanteil lag 2014 bei 16,2 Prozent, das entspricht einem Gesamtumsatz von 1,51 Mrd. Euro. Bis dato hat Amazon im deutschen Buchmarkt einen Marktanteil von etwa 15 Prozent. Die Menschen möchten das Buch auch als Objekt zum Anfassen. Für unsere Autoren empfehlen wir daher weiterhin: Der Leser soll sich aussuchen, wo er sein Buch bestellen möchte und in welchem Format er es haben will – wir sorgen dafür, dass es in diesen Vertriebskanälen auch verfügbar ist.

Wenn Sie sich für weitere Informationen rund ums Thema Amazon, eBooks und Self-Publishing interessieren, schauen Sie gerne noch einmal in einen anderen Blogbeitrag hinein: „Apropos Amazon: Mythen und Erkenntnisse“!

 

Wir haben zu diesem Anlass auch einige Autoren befragt und uns umgehört, was sie zu der Shoperöffnung von Amazon meinen. Hier einige Stellungnahmen:

Erik Kinting

Bild: Lektor Erik Kinting

 

 

„Der spezielle Charme, den eine Buchhandlung ausmacht und die die Leseleidenschaft als solche seit jeher anzufachen vermag, geht in den großen Buchhandelsketten mehr und mehr verloren. Wenn ein Branchenriese wie Amazon nun in dieses Marktsegment eintritt, dürfte der sich verschärfende Konkurrenzkampf dazu führen, dass es noch ungemütlicher wird. Aus Sicht der Lesekultur, die nicht durch identische Angebote im Discounterstil gefördert wird, also eher trübe Aussichten.“

Erik Kinting (Freier Lektor und Ghostwriter)

 

 

 

 

 

Katrin Klemm

Bild: Autorin Katrin Klemm

„Meine ersten beiden spontanen Reaktionen waren sehr nostalgischer Art: Die erste eine Erinnerung an den Film „eMail für Dich“ (1998) – wo es die gute und den bösen Buchhändler gibt, es um gefressen werden und fressen wollen geht – und sie sich doch am Ende kriegen. Die andere weckt Gedanken an meine Zeit als Buchhändlerin an der Fachschule für Buchhändlerin Leipzig 1989 (heute HTWK), als mit der Wende in Deutschland die Diskussion über Bücher als Kulturgut (DDR) oder Handelsware (BRD) aufbrandete. In meiner Abschlussarbeit ging es darum ob CD-ROM das Buch bedrohen. Diese historischen Reminiszenzen entlocken mir heute ein mildes Schmunzeln. Die Schule, einst von Schließung bedroht ist heute eine moderne Hochschule. Neben Büchern und CD-ROM gibt es heute unzählige Formate, die der Vermittlung von Wissen und Unterhaltung diesen. Also – so lange es – in welcher Form auch immer  – möglich ist, Zugang zu den Inhalten der Bücher und Medien zu erhalten, freue ich mich über jedes neues Experiment, das das Ziel hat, mehr Menschen zum Buch zu bringen. Und wer zum Kochbuch noch das Salatbesteck braucht, sich unsere Übungen im Buch gleich auf sein Tablett herunterladen und bearbeiten will – warum nicht. Jedes innovative Format ist mir als Autorin willkommen. Bücher muss man anfassen können, ebooks hin oder her. Alles verändert sich und ist ständig herausgefordert, sich weiter zu entwickeln.

Und so lange sich Amazon an die hierzulande übliche Preisbindung hält – halte ich es für ein interessantes Experiment.“

Katrin Klemm (Autorin von Der Tag im Schneekugelsturm)


Bild: Autor Jens Thaele

„… ist ein Segen, da es ein klares Signal in den Markt ist, dass der stationäre Buchhandel sehr viel Zukunft hat! Es wird jedoch nicht der klassische Buchhandel von heute mehr sein, bei dem die Buchbeschaffung im Vordergrund steht. Im Zeitalter der 3D-Drucktechnologie wird hierfür weder ein Versandhändler wie Amazon, noch eine klassische Buchhandlung zwingend benötigt. Die Buchhandlung von morgen ist eine Art Erlebnisraum, in dem Kunden etwas erfahren, sich auch im persönlichen Gespräch informieren und austauschen können. Und in diesem Szenario dürften die klassischen Buchhandlungen sogar im Vorteil sein, da sie ihre Kunden persönlich kennen und stationärer Handel sich wesentlich vom Internetkommerz unterscheidet. Nur – sie müssen handeln, da ansonsten Amazon oder ein anderer neuer Player der New Economy diesen Zukunftsmarkt besetzt.

Der Schnelle schlägt den Langsamen – ein Segen, dass wir es heute schon wissen.“

Jens Thaele (Autor von Vom Yin und Yang der digitalen Revolution)

 

 

 

 

 

Beate Thieswald-Schechter

Bild: Autorin Beate Thieswald-Schechter

 

„Erstmal denke ich: Na und, dann ist da ein Buchgeschäft mehr, mit seinen eigenen Schwerpunkten eben.  Als Versandhaus nutzen wir Amazon relativ häufig für alles Mögliche. Das spart Zeit, kostet keinen Versand und ist bequem. Bücher bestelle ich allerdings lieber im lokalen Buchhandel, denn die haben ja von Amazon gelernt, ebenfalls über Nacht zu liefern, und ansonsten möchte ich ihn gern unterstützen. Schwierig ist sicher die angestrebte Monopolstellung von Amazon. Andererseits strebt jedes Unternehmen nach oben. Und was den Vorwurf der Unterstützung des Mainstreams betrifft – das machen die meisten Verlage schon lange.“

Beate Thieswald-Schechter (Autor, u.a. von „Ostdeutsche Geschichten“)

 

 

 

 

 

Peter Granzow

Bild: Autor Peter Granzow

 

 

„Tja, da ich die meisten Bücher bislang über amazon verkauft habe, wäre es töricht zu behaupten, das amazon eine Bedrohung ist. Letztendlich ist es doch eine weitere Möglichkeit, sein Buch an den Leser zu bringen. Ich denke, auch hier heißt es wie bei allen neuen Dingen, abwarten und beobachten. Dem Selfpublisher Markt ging es zu Beginn ja auch so, wurde er zunächst skeptisch beäugt, wird er nun doch ernstgenommen.“

Peter Granzow (Autor von Störfaktor Kunde“)

 

 

 

 

 

Bild: Autor Christian Fabian

Bild: Autor Christian Fabian

 

 

„Ich finde es super. Der menschliche Kontakt mit dem Käufer eines Buches ist wichtig, über den Onlinehandel ist dieser eher unpersönlich. In einem Buchladen kann man Fragen stellen und bekommt Antworten. Das ist mir wichtig. Für mich als Aktor ist es wichtig, das auch die Händler wissen, was Sie verkaufen.“

Christian Fabian (Autor von Bist du reif für das Leben?“)

 

 

 

 

 

 

Bild: Kay Zeisberg, © Martin Palkovič

Bild: Kay Zeisberg, © Martin Palkovič

 

„Man sollte aufhören, unternehmerisches Streben nach Profit (von lat. profectus „Fortgang, Zunahme, Vorteil“) als Bedrohung zu sehen, noch dazu, wenn es um die Verbreitung von Literatur geht. Mit dem Wort Segen wäre ich vorsichtig, aber wenn dem Verlagswesen und dem Buchhandel etwas frischer Wind unter die Talare und in die Elfenbeintürme geblasen wird, finde ich das zumindest spannend.“

Kay Zeisberg (Autor, u.a. von „Herr Luna“)

 

 

 

Cornelia Sehnert

Bild: Autorin Cornelia Sehnert

 

„Amazon steht für Internethandel und dabei sollten Sie auch bleiben. Ich glaube nicht, dass sich der stationäre Buchhandel für Amazon lohnt. Wenn ich in ein Buch hineinlesen will, gehe ich in die Buchhandlung meines Vertrauens. Wenn mir die Beschreibung reicht und ich außerdem Wert auf Rezensionen lege, kaufe ich bei Amazon. Da sollte man lieber schauen, dass man die pünktliche Auslieferung der Produkte besser gewährleistet.“

Cornelia Sehnert (Autor von Kommt Mama wieder?“)

 

 

 

 

 

Thomas Loebelt

Bild: Autor Thomas Loebelt

 

 

„Konkurrenz belebt das Geschäft. So auch im stationären Buchhandel. Amazons Vorteil besteht ausschließlich im Online-Sale. Guter Service und schnelle Lieferung. Im stationären Markt kann sich Amazon nicht so gut von den etablierten Buchhändlern oder -Ketten abheben. Kurz gesagt: Schuster bleib bei deinen Leisten!“

Thomas Loebelt (Autor von „… und immer eine Antwort!“)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1 Antwort
  1. Herbert Noack says:

    Dass Amazon zusätzlich den stationären Buchhandel in seine Verkaufsaktivitäten aufnimmt war nur eine Frage der Zeit und sehe ich nicht problematisch. Es gibt so viele Händler auf dem Markt, die versuchen, mit der Ware Buch Geld zu verdienen. Warum dann nicht auch Amazon? Der Kunde soll entscheiden. Mir aber ist eine kleine, womöglich inhabergeführte Buchhandlung viel lieber. Diese Beratung, diesen Charme können uns die Buchgroßmärkte mit all ihrer Professionalität und Finanzkraft nie bieten. Auch wenn sie noch so viele Daten über uns Leser gesammelt haben und meinen, nun alles über ihn zu wissen, damit er kauft. Vielleicht kann man ja später in jedem Amazonladen dann das gesamte Sortiment gleich mit bestellen und abholen. Unter dem Motto: 1 Buch, zwei Paar Socken und Pack Toilettenpapier. Alles ohne Versandkosten. Eine schreckliche Vorstellung!.

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