Ein (fiktiver) Dialog mit Verlegern zu Self-Publishing

Der „Buchreport“ hat im April 2013 eine Umfrage unter (Erotik-)Verlegern gemacht und gefragt, ob der boomende Selfpublishing-Markt klassische Verleger in Schwierigkeiten bringe. Die Erklärungen der Befragen zeugen insgesamt von einer beachtenswerten Selbstzufriedenheit. Die Stellungnahmen einiger Verleger sollen nicht unkommentiert bleiben, die Leser des „buchreport“ nehmen dabei „kein Blatt vor den Mund“.

Die Verleger

Stephanie Bubley, Redakteurin Lyx: „Es zeigt sich…, dass Verlagsmarken für Leser (und Autoren!) als Qualitätssiegel gelten. Zudem haben Verlage nach wie vor ganz andere Möglichkeiten, Aufmerksamkeit für Titel hervorzurufen.“

tredition: Viele Self-Publisher betreiben im eigenen Interesse ebenfalls eine intensive Qualitätskontrolle und werden dabei vom Verlag unterstützt. Bei tredition wird kein Buch veröffentlicht, das nicht den hohen Qualitätsstandards entspricht. Im Netzwerk der tredition-Lektoren findet jeder Autor schnell professionelle Hilfe, wenn dies gewünscht wird. Unverständlich ist, warum konventionelle Verlage zur Erzielung von Aufmerksamkeit andere Möglichkeiten haben sollten als Self-Publishing-Autoren und -verlage. Mangels einer Begründung kann dieser Behauptung von Stephanie Bubley nicht entgegnet werden.

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Fabian Wolff, Projektmanager Carl Stephenson: „Die Kompetenz der Verlagshäuser und somit die Qualität der Veröffentlichungen (wird sich) auf lange Sicht durchsetzen. Die wenigsten Selfpublisher erreichen die Tragweite der erfahrenen Verlage.“

tredition: Frisch und munter behauptet Fabian Wolff, dass die Kompetenz der Verlagshäuser und somit die Qualität der Veröffentlichungen sich durchsetzen wird. Begründung? Auch hier Fehlanzeige, so dass es schwer fällt, hier Argumente entgegenzusetzen. Was die „Tragweite“ der erfahrenen Verlage bedeutet, erschließt sich leider auch nicht. Warum „buchreport“ solche inhaltsleeren Aussagen veröffentlicht, wird wohl auch das Geheimnis des Magazins bleiben.

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Werner Fredebold, Leiter Vertrieb, Marketing und Produktmanagement Mira Taschenbuch: „Wir sind der Überzeugung, dass der Leser mit dem Erwerb eines Buches auch eine bestimmte Qualitätserwartung hinsichtlich Gestaltung, Lektorat und inhaltlicher Stringenz und Rechtschreibung hat und auch erwarten darf. Dauerhaft und in der Breite wird dies nur von einer professionellen Verlagsstruktur gewährleistet.“

tredition: Da hat Werner Fredebold recht. Die Qualitätsanforderung, die der Vertriebsleiter im ersten Satz formuliert, setzt tredition seit Anbeginn der Verlagsgründung konsequent um. Hierzu war es unbedingt notwendig, eine professionelle Verlagsstruktur aufzubauen und entschlossen mit Leben zu erfüllen. Bettina Steinhage, Lektorin Bastei Lübbe: „Man sollte die Qualitätsansprüche der Leser nicht unterschätzen; auf Dauer werden sich auch bei den Selfpublishern nur die Autoren durchsetzen können, die gute Stoffe bieten.“ tredition: Stimmt!

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Claudia Gehrke, Verlegerin Konkursbuch: „Für Verlage wird das Sortieren der Manuskriptberge immer schwieriger, wir erhielten schon immer sehr viele Manuskripte, doch es werden immer mehr, ein unbewältigbarer „Berg“ – hier verpasst man natürlich manchmal auch ein Buch, das man vielleicht verlegt haben könnte…“

tredition: Dieses Problem lässt sich lösen. tredition hat anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2013 das neue Projekt „BUCHTALENT“ vorgestellt, eine Kombination von klassischem Verlagswesen und Self-Publishing. Die klassischen Verlage stellen sicher, Talente nicht zu verpassen, indem sie Werke, die gegenwärtig nicht in das Verlagsprogramm passen, bei BUCHTALENT veröffentlichen lassen und Autoren profitieren von der Möglichkeit später in das Programm des Verlages aufgenommen zu werden.

Katrin Jenner, Marketing- und Vertriebsleiterin Cora: An „Shades of Grey“ sieht man, dass im Selfpublishing mit Sicherheit Potential steckt. Dennoch darf man nicht vergessen, dass es sich hier um eine Ausnahme-Erscheinung handelt.

tredition: Das ist völlig richtig. Aber auch im konventionellen Verlagswesen sind Bestseller nun einmal die Ausnahme. „Resteverwerter“ wie Jokers etc. leben davon, dass herkömmliche Verlage große Auflagen unverkäuflicher Bücher gedruckt haben. Mit zunehmendem Erfolg der Self-Publisher, die im Regelfall „on demand“ drucken lassen und somit unverkäufliche Bücherstapel vermeiden, dürfte das Geschäftsmodell der „Resteverwerter“ auch bald notleidend werden.

Die Leser-Kommentare dazu

Klaus Seibel: „Die ganze Darstellung ist ziemlich einseitig, aber man hat ja auch nur Verleger gefragt. Was sollen die sonst sagen? Außerdem darf man nicht vergessen, dass die Selfpublishing-Szene im Prinzip noch in den Kinderschuhen steckt, sie ist in Deutschland keine zwei Jahre alt. Dafür ist der Erfolg schon sehr beachtlich. Ich beobachte, dass sich die Strukturen rasend schnell in Richtung Professionalisierung bewegen. Ob der Mehrwert, den Verlage bieten, wirklich die riesige Marge Wert ist, die Autoren verlieren? Und die Marketingvorteile der Verlage? Bei Spitzentiteln mag das zutreffen, aber bei „normalen“ Titeln?“

Petra van Cronenburg: „Wer sagt denn, dass Self Publisher grundsätzlich keine Qualitätssicherung betrieben? Ich selbst bin „Hybridautorin“, schreibe für Verlage wie Hanser und Suhrkamp, verlege aber gleichzeitig selbst die eigene Backlist und freie Projekte. Ich kann mir die besten Mitarbeiter auf dem freien Markt aussuchen, ob Grafiker, Lektorinnen u.a. – die großen Publikumsverlage haben so viele davon freigesetzt! Und wenn ich dann sehe, dass ich mit einem selbst neu aufgelegten Backlisttitel in drei Monaten mehr umsetze als im Konzernverlag im ganzen Jahr, dann lohnt sich die Investition in freie Mitarbeiter richtig. Self Publishing verleiht uns Autoren die Fähigkeit, genauer hinzuschauen, ob ein Verlag die alten Kernkompetenzen der Verlage überhaupt noch ausübt. Tut er das nicht, fällt das Nein leichter.“

Marco De Micheli: „Das Potenzial und die Dimension der Konkurrenzierung von Verlagen durch das Selfpublishing wird hier völlig unterschätzt, schöngeredet oder verdrängt. Verlagsmarken haben bei Lesern keinen primären Wert, Lektoratsarbeit ebenso und für die Vermarktung engagieren sich Verlage im allgemeinen nur für wenige Titel. Auch der Qualitätstrichter wird überschätzt, denn allzu oft werden die Marktchancen für Manuskripte nicht erkannt oder falsch eingeschätzt, was die zahlreichen Erfolge von SP-Autoren beweisen, die zuvor von Verlagen oft abgewiesen wurden… Es ist gefährlich bzw. geradezu leichtsinnig, wie viele Verlage die Konkurrenz des Selfpublishings offensichtlich unterschätzen und wie realitätsfremd deren Argumente teilweise sind. Übrigens: Ich bin selbst Verleger.“

Jacqueline Spieweg: „Ein Verlag steht für Qualität“, ich finde es sehr erfreulich, dass sich die Verlage unter dem Druck der Selfpublisher wieder darauf besinnen. Lange schienen sie dieses Ideal verloren zu haben… Glückwunsch zu diesem Vorhaben. Und wenn sich nun auch noch herumspricht, dass viele Selfpublisher ihre Bücher selbstverständlich ebenfalls lektorieren lassen – möglicherweise bei den Lektoren, die vor wenigen Jahren auf die Straße gesetzt worden sind – können die Leser aus einer Vielfalt wählen, die Verlage allein niemals geboten hätten.“

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