Ein Verleger-Genie – Cotta und Self-Publishing

„Das hab ich schon begriffen in den paar Jährle Verlagsgeschäft, dass das Zeugs, und sei es noch so hehr und hoch und edel, an die Leut gebracht werde muss wie Äpfel, Brot oder Moscht“, sagt der erfolgreiche Verleger.

Das „Zeugs“ haben die deutschen Klassiker Goethe, Schiller, Hölderlin oder Herder geschrieben, der geschäftstüchtige Verleger heißt Johann Friedrich Cotta, der vor 250 Jahren geboren wurde und aus einem dahin kümmernden Verlag ein Medienimperium entwickelte. Das gelang, weil er sehr schnell neue Entwicklungen im Verlagsgeschäft erkannt hatte und mit Erfolg umsetzen konnte. Eine sicherlich nur in Ansätzen vergleichbare Entscheidungssituation im Verlagsgeschäft zeigt sich heute angesichts der Umbrüche weg von der geruhsamen Verlagswelt der vergangenen Jahre hin zu einer dynamischen Self-Publishing-Szene.

 Cottas Erneuerungen

Die Notwendigkeit, die neuesten technischen Erfindungen für das Geschäft einzusetzen, erkannte Cotta schnell, denn es galt, seine finanzielle Investition in das Verlagsgeschäft abzusichern. So war er einer der ersten, der neueste Technik wie Dampfmaschine, Lithografie oder Schnellpresse einsetzte und damit ein Pionier in seiner Zeit war. Es gehört schon eine gehörige Portion Mut dazu, sich an die Spitze der technischen Entwicklung zu setzen – und weiterhin zu bleiben.

Bahnbrechend im Verhältnis zu seinen Autoren war, dass Cotta mit den Schriftstellern durch Fairness geprägte Verträge aushandelte. Generell war es üblich, dass Autoren kaum von ihren Schriften leben konnten, denn Raubdrucke ließen sich sehr gut kostengünstig an die Leser bringen, ohne durch Autorenhonorare belastet zu sein. Cotta hingegen vereinbarte Honorare mit den Autoren, die beide Seiten zufrieden stellten. Und er beteiligte sie an den Entscheidungen beispielsweise über die Typografie der Texte oder die Qualität der Abbildungen in den Büchern.

Und eine neue Zielgruppe für seine Druckerzeugnisse entdeckte er: die Frauen. Für sie hat er sogar eine eigene Zeitschrift herausgegeben.

Trotz aller Wagnisse im Verlagsgeschäft mit teilweise über 60 Zeitungen und Zeitschriften in seinem Medienimperium blieb Cotta immer seinem Ursprungsgeschäft verbunden. Seinen „Klassikerverlag“ mit den Werken Goethes oder Schillers sah er immer als Herzstück seines Universalverlages an.

Heutige Umbrüche

Parallelitäten zwischen der Umbruchsituation vor rund zweihundert Jahren und heute sind unübersehbar.

Ob die Verlagsverantwortlichen 250 Jahre nach Cottas Geburt die Chancen, die sich aufgrund der Umbrüche aus der Veränderung der Autorenschaft hin zu selbstbewussten Self-Publishern oder aus dem Wandel hin zu nachfrage-orientierten Druckauflagen „on demand“ ergeben, auch wirklich nutzen, ist mit einem riesengroßen Fragezeichen zu versehen.

In vielen Bereichen der Medien- und Kommunikationswelt, wie beispielsweise in der Telekommunikation, den Fernseh- oder den Lesegewohnheiten, zeigen sich grundlegende Veränderungen, das Beharrungsvermögen in manchen herkömmlichen Verlagen aber bleibt unberührt. Die Rechnung wird bestimmt präsentiert.

Self-Publishing-Dienstleister werden ihre Chancen nutzen, indem sie technischen Neuerungen gegenüber offen sind, faire Verträge mit den Autoren vereinbaren und die Zielgruppe der Frauen im Blick behalten. Und ein Self-Publishing-Dienstleister hält es wie Cotta: Die Klassiker bleiben ein Herzstück der Verlagstätigkeit.

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