Erfolgreiche junge Autoren – Achtung Polemik

Klar, es handelt sich um eine Polemik. Florian Kessler, schon im fortgeschrittenen Alter von 32 Jahren, hat die Literaturszene der Gegenwart in der „Zeit“ unter dem schönen Titel „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!“ beschrieben und stösst natürlich auf allerheftigsten Widerspruch, einen ausgewachsenem Shitstorm sogar, vermutlich von denjenigen ausgelöst, die er so treffend beschrieben hat. In Blogs, Facebook und Zeitungen wird über ihn hergefallen. Es lohnt sich sehr, seinen Text zu lesen (und zu hinterfragen, vor allem wenn man als Autor nicht zu den von ihm entlarvten Auserwählten gehört sondern mühsam im Self-Publishing-Markt sich behaupten muss).

 

Self-Publishing-Autoren reiben sich verwundert die Augen

 

Die Szene, die Florian Kessler beschreibt, mutet Self-Publishing-Autoren ziemlich fremd an.

 

Die deutsche Gegenwartsliteratur sei brav und  konformistisch. Das sei natürlich kein Wunder, denn alle jüngeren Autoren hätten die gleiche gutsituierte, bildungsbürgerliche Herkunft. An den Schreibschulen des Landes tummelten sich Arztsöhne und Professorentöchter, die es sich bei ihrer Herkunft erlauben könnten, jahrelang an ihrem Literaturdebüt zu feilen, während sie von Mamas und Papas Wohlstandsspeck zehrten.

 

Florian Kessler weiß, wovon er spricht, denn er hat den Studiengang „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ in Hildesheim besucht. Er wurde als geeignet für diesen Studiengang eingestuft, meint er, weil er sich für die Eignungsprüfung eine Hornbrille angeschafft und als Bewerbungsmappe „wirre Liebesmonologe“ eingeschickt hatte, denen er ein ihm „schleierhaftes Zitat des Philosophen Roland Barthes“ vorangestellt hatte. Und dann gibt es noch einen Seitenhieb auf seine Generationsgenossen: Wir „hatten bereits zu Schulzeiten unseren Theater-AGs gefrönt, fanden BWL und Naturwissenschaften profan und sublimierten überhaupt gerne vor uns hin“. Diejenigen Mitschüler aus seiner Gymnasialzeit, die nicht der etabliertesten Mittelschicht angehörten, wurden dann allenfalls App-Entwickler. Soweit die Polemik.

 

Buchmarkt

 

Dann kommt er – allerdings nur am Rande – ernsthafter zur Sache, indem er sich auf Erkenntnisse des britischen Soziologen John B. Thompson beruft, der Schriften veröffentlicht hat mit Titeln wie „Books in the Digital Age“ oder „Merchants of Culture“ (wobei letztere Bezeichnung nicht nur positiv zu verstehen ist, denn es wird das knallharte Literaturgeschäft unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten beschrieben).

 

Thompson sieht den Buchmarkt dominiert von mächtigen Handelsketten, einer gewaltigen Verlagsindustrie und Literaturagenten. Die Analyse betrifft zwar den angelsächsischen Buchmarkt, aber auch dort wie hier zeigen sich Entwicklungen, die den althergebrachten Markt durcheinander wirbeln, bis hin zu spektakulären Pleiten ehemals marktmächtiger Mitspieler. Thompsons Ziel, wie er es auch in einem Interview erläutert, ist es, den Buchmarkt zu beschreiben, wie er sich seit den 1960er Jahren entwickelt hat und weiter entwickelt. Thompson schafft es, den Self-Publishing-Markt lediglich in Nebensätzen zu erwähnen, Kessler kennt diesen Markt offensichtlich gar nicht.

 

Der geneigte Beobachter der Literaturszene fragt sich, wie Autoren eine augenfällige Entwicklung wie das Self-Publishing auf dem Buchmarkt übersehen können, wenn ihre Intention ist, die Entwicklung des Buchmarktes zu kennzeichnen (Thompson) oder die jüngeren deutschsprachigen Autoren zu charakterisieren (Kessler). Da werden wir wohl nicht umhin kommen, ein deutliches „Thema verfehlt“ an den Rand zu schreiben.

 

Nachtrag

 

In der „Süddeutschen Zeitung“ vom 6. Februar 2014 (nicht verlinkbar, weil die „Süddeutsche“ Bezahlschranken setzt) legt Kessler jetzt noch einmal kräftig nach und rechnet mit den Kritikern ab. „ „Brav“ nannte ich in meiner Polemik die jüngeren deutschsprachigen Autoren. Jetzt weite ich das aus. „Brav“ erscheint mir ein Betrieb, der seine Debatten betriebsscheu führt“, schreibt er. Ob er sich damit selber gemeint hat?

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