Selbstbewusste Self-Publisher – vorsichtige Verlage

Es mehren sich die Berichte über erfolgreiche Self-Publisher, aber auch die Meldungen über scheiternde Verlage, wobei die Ursache für das Scheitern auch in übergroßer Vorsicht oder sogar Ängstlichkeit in der seit langem etablierten Verlagsszene vermutet werden darf. Manche Erfolgsmeldungen sind bei näherem Hinsehen allerdings kaum mehr als heiße Luft, manche Schreckensmeldungen aber auch übertrieben, denn die Medienwelt, in der Katastrophen immer größere Aufmerksamkeit finden als nüchterne Analysen, liebt die Übertreibung.

Self-Publishing-Erfolgsmeldungen

Matthias Matting schreibt begeistert in der „Zeit Online“ über die unbekannten Bestseller aus der Self-Publishing-Szene, die jeweils in einigen hunderttausend Exemplaren verkauft worden sind. Poppy J. Anderson, Hanni Münzer oder Catherine Shepherd heißen die Autorinnen mit atemberaubenden Erfolg. Aber auch seinen eigenen Erfolg vermeldet Matthias Matting gerne: 150.000 verkaufte Bücher.

Im Feuilleton der „FAZ“ berichtet Jan Wiele, dass Michael Meisheit mit seinen Büchern Dan Browns Buch „Inferno“ vom ersten Platz der Verkaufs-Charts verdrängt habe. Allerdings veröffentlicht Michael Meisheit nicht unter seinem Namen, sondern er tritt als die Autorin Vanessa Mansini auf, die offensichtlich interessanter und damit erfolgreicher ist als der männliche identische Autor Meisheit.

Diese und ähnliche Erfolgsmeldungen gibt es zuhauf, allerdings lohnt ein näheres Hinsehen, denn es handelt sich in allen Fällen der atemberaubenden Verkaufszahlen um eBooks, die teilweise für wenige Cent, in der Regel um die zwei bis drei Euro je Buch angeboten werden. Und es tauchen zum Beispiel in der Kindle-Bestseller-Liste häufig dieselben Autoren- oder Pseudonym-Namen auf, die mit ihren zahlreichen Büchern die Hitliste anführen: Poppy J. Anderson, Hanni Münzer oder Catherine Shepherd, Namen, die wir schon im „Zeit-Online“-Artikel gefunden haben. Der Erfolg konzentriert sich auf wenige Autoren.

Die enthusiastischen Rezensionen bei Amazon der in der Regel leichten Kost erstaunen und lassen einen gewissen Zweifel an der Echtheit dieser begeisterten Meinungsäußerungen über die besprochenen Bücher aufkommen, aber sei es drum: die Verkaufserfolge dürften echt sein, wenn auch mit einem überschaubaren pekuniären Ergebnis bei den Autoren. Offensichtlich verlagert sich die Szene: waren früher Romanhefte (vulgo „Groschenhefte“) mit Serienhelden wie „Chefarzt Dr. Holl“, „Die Landärztin“ oder „Arztroman“ (eingestellt bereits 2005) erfolgreich, so sind es jetzt Titel wie „Auszeit für die Liebe“, „Bittersüßer Schmerz“ oder „Unverhofft verliebt“, die aber allesamt nur als eBooks erfolgreich sind.

Vorsichtige Verlage

Behutsam tasten sich manche Verlage an die Self-Publisher heran. Dabei dürfte nicht so sehr die Intention im Vordergrund stehen, neue Wege der Veröffentlichung oder neue Wege der Autorengewinnung aktiv zu beschreiten, nein, es ist wohl vielmehr die Erkenntnis, dass es auf Dauer nicht geht, die agilen Autoren des Self-Publishing weiterhin auszuschließen. Diese knabbern schließlich am eigenen Geschäft, was umso unangenehmer werden dürfte, wenn künftig Erfolgsmeldungen über Self-Publisher nicht nur auf dem eBook-Markt sondern auch auf dem Print-Markt regelmäßig in den Gazetten erscheinen werden.

Die Zeitschrift „Der Handel“ berichtete schon im Jahr 2010 über die „nervöse Branche“ Buchmarkt, indem auf die zweistelligen Wachstumsraten des Self-Publishing im gedruckten und digitalen Bereich hingewiesen wurde. Einige – an wenigen Fingern abzählbare – Verlage sind schon in Bewegung gekommen und haben die Chancen einer Zusammenarbeit mit Self-Publishern erkannt. Die weitaus überwiegende Zahl verharrt selbst fast zwei Jahre nach dieser Analyse noch im Wartemodus.

Die Dienstleister im Self-Publishing können gelassen warten, ihr Geschäft brummt.

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