Self-Publishing im Öffentlichen Rundfunk

Zahlreich sind die Internetquellen zum Stichwort „Kulturauftrag Öffentlicher Rundfunk“. 16.300 Ergebnisse findet Google innerhalb von 0,44 Sekunden.

Deutlich geringer ist der Erfolg der Google-Suche nach dem Stichwort „Kulturauftrag Öffentlicher Rundfunk Self-Publishing“: Neun Ergebnisse werden ausgewiesen, bei denen Google aber in fünf Fällen eigenständig, ohne den betrübten Suchenden zu fragen, das „Self-Publishing“ gestrichen hat. Google findet auch zwei englischsprachige Hinweise, die allerdings nichts mit Self-Publishing zu tun haben und zwei deutschsprachige, die dann konsequenterweise ebenfalls keinen Bezug zum Self-Publishing haben.

Wenn Google die Wahrheit sagt, findet Self-Publishing im Öffentlichen Rundfunk nicht statt.

Literatursendungen im Öffentlichen Rundfunk

Ja, es gibt sie aber: kaum ein Sender lässt es sich nehmen, Sendungen zum Thema Literatur auszustrahlen. Der literaturinteressierte Hörer oder Zuschauer hat ausreichend die Möglichkeit, Informationen über neue Bücher oder Entwicklungen der Literaturszene zu erhalten. „Diwan Büchermagazin“ (Bayern 2), „Mikado Die Lesung“ (HR 2 Kultur), „Buch der Woche“ (MDR Figaro) oder „Am Abend vorgelesen“ (NDR Kultur) heißen einige Sendungen im Hörfunk. Über 50 Hörfunk-Sendungen zum Thema Bücher listet der „Börsenverein des Deutschen Buchhandels“ auf.

Zum Stichwort „Bücher im Fernsehen“ ist das Ergebnis deutlich magerer: Neun Sendungen findet der „Börsenverein“, weist aber tröstend darauf hin, dass es weitere Kultursendungen gebe, die auch Literaturbeiträge enthielten.

Also: es fehlt nicht an Gelegenheiten, über Literatur zu informieren. Bedauerlicherweise ist sich die Szene der „Kulturschaffenden“ in den öffentlich-rechtlichen Anstalten aber einig, sich am bewährten Muster der Sendungen zu orientieren und über die etablierte Literaturszene zu berichten. Nur kein Risiko eingehen. Die ungeliebten Neuankömmlinge in der Literaturwelt, die Self-Publisher, bleiben da besser außen vor. Mit Schmuddelkindern spielt man nicht!

Anspruch und Realität der Literatursendungen

„Preisgekrönte Autoren und neue Romane, Jubiläen, Entdeckungen und Manuskripte – ‚Das offene Buch‘, schlägt diese Kapitel auf und spiegelt damit das aktuelle literarische Leben“, erfreut sich der Sender Bayern 2 über sich selbst und die Sendung „radioTexte“. Nein! Die Sendung spiegelt nicht das aktuelle literarische Leben wider, wenn die Self-Publisher nicht stattfinden!

NDR Kultur stellt aktuell Bücher vor vom Wallenstein Verlag („Die Memoiren der Kurfürstin Sophie von Hannover“), von Luchterhand („Flüchtige Seelen“), von S. Fischer („“Von hier nach da“), vom Karl Blessing Verlag („Unter der Wasserlinie“), von Suhrkamp („Europas Dichter und der Erste Weltkrieg“) oder Diogenes („Das goldene Ei“). Letzteres ist übrigens das zweiundzwanzigste Buch von Donna Leon über Commissario Brunetti. Ob NDR Kultur ebenso wortreich über die vorangegangenen einundzwanzig Bücher aus dem Leben des Commissario informiert hat, entzieht sich leider unserer Kenntnis. Aber wir wissen, dass nur über Bücher von etablierten Verlagen berichtet wird.

Vielleicht ist auch noch ein Beispiel aus dem Fernsehen gefällig? „hauptsache kultur“ des Hessischen Fernsehens übt sich in Hofberichterstattung: „Champagnerluft und Poesie“ – „Wie Bad Homburg mit Glamour und Prominenz zum Literaturfest lockt“, heißt der Aufreißer, beginnt mit dem „‚Who is Who‘ der deutschen Schauspielriege“ (Originalzitat der Hofberichterstatter) Iris Berben, Andrea Sawatzki, Dominique Horwitz und fragt: „Wer will sich das schon entgehen lassen? Bad Homburg – die Stadt der Reichen und Betuchten – arbeitet beflissen auch an ihrem Ruf als Kulturstätte (…) viele Prominente sind geladen. Klar, da putzt man sich so richtig raus“.

Iris Berben liest aus „Jüdin von Toledo“, berichtet das Fernsehen und verzichtet angesichts der Prominenz der Vorleserin auf den vollständigen Titel des Buches sowie auf den Namen des Autors (Lion Feuchtwanger). Erfolg hat Frau Berben bei der Lesung, denn sie „macht selbst das schwerste Werk leicht verdaulich. Und am Ende gibt es sogar noch ein Autogramm. So lässt sich ein großes Publikum für Literatur begeistern“. Bei diesem durchschlagenden Erfolg wollen wir auch „ein weiteres Highlight des Festivals“ nicht verschweigen: „Ein Gala-Dinner mit 4-Gänge-Menü inklusive Lesung“!

Trost für Self-Publisher

Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk den Kulturauftrag so versteht, wie es diese wenigen Beispiele zeigen, müssen die Self-Publisher nicht betrübt beiseite stehen, weil sie von dieser Institution vernachlässigt werden. Ihren Anspruch gelesen zu werden, wissen die Self-Publisher durch Qualität ihrer Bücher zu sichern. Die Frage, ob dem Anspruch entsprochen wird, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk kritischen und unabhängigen Journalismus bietet und über moderne kulturelle Strömungen berichtet, lässt sich mit Blick auf diese Beispiele leicht beantworten: nein!

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