Verlagsgruppe Weltbild – Die frohe Botschaft

Die Verlagsgruppe Weltbild GmbH verkündet frohe Botschaften, sicherlich zum Wohlgefallen des Gesellschafters, der katholischen Kirche. Bestandsgefährdende Risiken sind nicht erkennbar, neue Formate im stationären Buchhandel sind erfolgreich, ein positiver Cashflow ist zu verzeichnen und Jokers, ein Buchhändler der Gruppe, verdoppelt die Zahl der Buchläden von 15 auf 29. Das sind einige der Erfolgsmeldungen aus dem Jahresabschluss der Verlagsgruppe zum 30.6.2012.


Jetzt ist die Verlagsgruppe insolvent. Wer davon überrascht worden ist, hat es leider versäumt, rechtzeitig einen Blick in die Bilanzen oder die Gewinn- und Verlustrechnung der Verlagsgruppe zu werfen. So hat die Verlagsgruppe Weltbild GmbH für das Geschäftsjahr 2011/2012 bei einem Umsatz von 674 Mio. Euro einen Jahresfehlbetrag von 9,6 Mio. Euro ausgewiesen. Zur Pflicht-Veröffentlichung dieser Zahlen benötigte die GmbH  mehr als ein Jahr, ein Zeitraum der zu denken gibt, wo doch das Geschäft angeblich so glänzend lief (siehe oben).

Innovationen im Buchmarkt verschlafen

Innovationen wie Self-Publishing, Print on Demand oder attraktive e-Reader sind offensichtlich im engen Wortsinn bei der Verlagsgruppe Weltbild Fremdwörter geblieben.

Stattdessen setzte das Management auf das fragwürdige Konzept von Thalia, literaturferne Artikel anzubieten. Findet der verwunderte Buchinteressent bei Thalia Schokolade oder Plüschtiere, fällt bei Weltbild der „Ahh Bra -Bustier BH, 3er-Set in pink/blau/limette“ ins Auge, der statt 69,90 Euro nur 39,99 Euro kostet („Sie sparen 43%“). Oder soll es doch lieber der Figur Body Formbody sein, der in der Spezialversion statt 39,99 Euro nur 19,99 Euro kostet („Sie sparen 50%“)? Wie verzweifelt muss eine Geschäftsführung auf der Suche nach Geschäftsideen sein, die auf diese abwegigen Ideen verfällt?

Die Internetseiten von Weltbild oder buecher.de, der Bücherplattform von Weltbild,  verärgern zudem durch wild blinkende Pop-ups und durch eine chaotische Ansammlung von Buttons und Links. Hier haben sich vermutlich in grauer Vorzeit angehende Studenten des Webdesigns an der Gestaltung von Webseiten versucht. Erstaunlich ist aber, dass Weltbild dennoch so lange Erfolg im Online-Verkauf hatte.

Self-Publishing und Print on Demand

Chancen aus dem Self-Publishing hatte die Geschäftsführung offenbar nicht erkannt, denn diese Geschäftsidee blieb eher im Abseits (mit Ausnahme der indirekten Beteiligung an dem Self-Publisher neobooks.com, einer Gesellschaft von DroemerKnauer). Dabei wäre es doch mal eine Idee, anstelle von Bustier-BHs versuchsweise Bücher aus dem Self-Publishing-Bereich in den Filialen der Verlagsgruppe zu verkaufen. Dazu ist es nicht erforderlich, große Bücherstapel von Self-Publishern vorzuhalten, sondern das Risiko kann durch Print on Demand klein gehalten werden, unter Umständen lassen sich sogar eigene Druckmaschinen in den Buchläden wirtschaftlich betreiben. Im Zeitungssektor funktioniert dieses Modell ja bereits in der Praxis, wenn Bahnhofsbuchhandlungen aktuelle Tageszeitungen aus aller Welt (on-demand) gedruckt anbieten.

e-Reader

Ob der Versuch von Weltbild und Konsorten funktionieren wird, den erfolgreichen Kindle von Amazon durch einen eigenen Tolino-E-Reader in die Schranken zu weisen, ist noch nicht abschließend zu beurteilen. Mit Sicherheit ist es eine risikoreiche, kostenaufwendige Aktion, einen neuen E-Reader auf den Markt zu bringen. Und Amazon wird nicht tatenlos zusehen, wenn ein neuer Konkurrent auf der Bildfläche erscheint. Die kostenlose virtuelle Version des Kindle beispielsweise für den iPad ist eine gelungene Gegenstrategie von Amazon. Eine finanziell angeschlagene Verlagsgruppe war vermutlich nicht gut beraten, dieses Abenteuer der Eigenentwicklung eines E-Readers zu wagen.

Was wird?

Wenn der Versuch des Insolvenzverwalters zur Erhaltung der Verlagsgruppe Weltbild scheitern sollte, werden die Mitbewerber den Kuchen neu unter sich aufteilen. Da der deutsche Büchermarkt seit Jahren im Umsatz stagniert, werden sich die Marktanteile nur verschieben. Mit Sicherheit wird Amazon – wie immer – zu den Gewinnern gehören.

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