Zeitenwende für Self-Publishing

Vor nicht all zu langer Zeit noch war Self-Publishing in der etablierten Verlagsszene kaum einer Erwähnung wert, und wenn in dieser Szene überhaupt eine Notiz vom Self-Publishing genommen wurde, dann mit deutlich gerümpfter Nase. Denn Self-Publisher und ihre Dienstleister waren etablierten Verlagen in keiner Weise ebenbürtig und waren allenfalls im dunklen Keller der Literaturpaläste zu verorten, von der hell strahlenden Beletage unendlich fern. Aber langsam klettern die Kellerbewohner ans Licht und sind nun auch von den Bewohnern der Obergeschosse nicht mehr zu übersehen, ja sie werden sogar als nützliche Wesen erkannt.

Ewig Gestrige

Diese Erkenntnis der positiven Entwicklung des Self-Publishing wird aber noch nicht allen zuteil. Selbst ein „Lexikon“, das bahnbrechend die Entwicklung (und den Niedergang) herkömmlicher Enzyklopädien befördert hat, nämlich Wikipedia, fabuliert munter unter dem Begriff „Selbstverlag“, zu dem dem bei der Suche nach „Self-Publishing“ weiter geleitet wird:

„Die fehlende „Auslese“ durch einen regulären Verlag wie auch das damit verbundene Fehlen eines als qualifiziert erachteten Lektorats lässt eben auch mehrheitlich “vanity publisher“ bzw. „Hobby-Autoren“ als Selbstverleger zu, deren Veröffentlichungen meist jede anerkennenswerte literarische Textqualität vermissen lassen“. Natürlich haben wissenschaftliche Veröffentlichungen laut Wikipedia im Selbstverlag auch nur „einen geringen Stellenwert“. Da graust es den Leser, der nur noch rufen kann: „Schwamm drüber!“.

Geld regiert die Welt

Wie es um die wirtschaftliche Entwicklung der Literaturwelt steht, ist an dieser Stelle schon berichtet worden: seit Jahren stagnieren die nominellen Umsätze, real gehen sie deutlich zurück. Für manche Verlage, die manchmal die Literatur über die Bilanz stellten aber gelegentlich auch heftig zum Amüsement des Publikums unter internen Streitigkeiten litten, war der Weg zum Amtsgericht zur Eröffnung des Insolvenzverfahrens nicht zu vermeiden: Weltbild, Suhrkamp, Eichborn, Aufbau-Verlag heißen einige der illustren Verlage, deren Geschäftsführer zwar nicht mehr wie einst mit Frack und Zylinder den Gang zum Konkursrichter antraten, sondern ganz profan im gewöhnlichen Outfit dem Insolvenzrichter ihre Aufwartung machten. Die Verlage suchten das Heil in der Insolvenz.

Der Generationenwechsel in vielen herkömmlichen Verlagen, so zum Beispiel gerade im Hanser Verlag oder früher in der Oldenbourg Verlagsgruppe, lässt auf Offenheit gegenüber neuen Entwicklungen, wie dem Self-Publishing, hoffen. Da mögen manche lieb gewonnene Entwicklungen mit Blick auf die Gewinn- und Verlustrechnung hinterfragt werden und Perspektiven der Zusammenarbeit mit den Kellerkindern erkannt werden. Der kaufmännische Geschäftsführer der Verlagsgruppe Droemer Knaur, Josef Röckl, hat denn auch ausgemacht, dass sich „Publikumsverlag und Selfpublishing hervorragend ergänzen und nicht ausschließen“. Zu diesem Ergebnis kam ein Kaufmann!

Talente entdecken

Ein offen ausgesprochenes Ziel der Zusammenarbeit von herkömmlichem Verlag und Self-Publishing ist jetzt die Entdeckung neuer Talente. Der Schock über die außerordentlichen Verkaufserfolge im Self-Publishing solcher Autoren, die von etablierten Verlagen abgelehnt worden waren, sitzt offenbar tief in den Knochen. Hier wurden die Talente von Autoren und die Literaturwünsche von Lesern nicht erkannt.

Das neue Angebot für eine Zusammenarbeit von klassischen Verlagen und dem Self-Publishing, „Buchtalent“, ist offensichtlich auf dem richtigen Weg, um die bisherigen Gegensätze zu überbrücken und zum Nutzen von Verlagen und Autoren der Self-Publishing-Szene zu wirken.

Es geht für das Self-Publishing voran auf dem Weg aus dem Keller in die besseren Etagen der Literaturwelt.

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