Wie schreibe ich einen guten Buchanfang?

Buchanfang schreiben

Bild: Bei einem guten Buchanfang sollte bereits der erste Satz Ihres Werkes die Leser in den Bann ziehen!

Kennen Sie diesen Moment? Sie nehmen in Ihrer Lieblingsbuchhandlung ein Buch in die Hand, von dem Ihnen das Cover auf Anhieb gefallen hat. Sie folgen dabei einem ganz spontanen Impuls. Natürlich schlagen Sie gleich die erste Seite auf und lesen sich den ersten Satz oder gar die erste Seite durch – … und legen das Buch gleich wieder zur Seite. Der Buchanfang ist gähnend langweilig und nichtssagend? Eine Katastrophe, wenn Ihre Leser beim Aufschlagen Ihres neuen Werkes solche Gedanken hätten … Was kann man tun, um Leser gleich auf der ersten Seite an die eigene Geschichte zu fesseln? Am besten sollte bereits der erste Satz Ihres Werkes die Leser in den Bann ziehen und sie dazu verführen, gleich und sofort Ihr Buch zu verschlingen.

In diesem Blogbeitrag erfahren Sie, was Sie beachten müssen, damit Sie bei Ihrem Werk kein ähnliches Fiasko erleben, sondern Ihre Leser mit einem knackigen Buchanfang, der Emotionen erzeugt und Leser an Ihr Buch bindet, überzeugen können.

 

  1. Am Buchanfang steht das Wort: Die eigene Geschichte strukturieren
  2. Schauplatz und Charaktere einführen, ohne gleich das Pulver zu verschießen
  3. Zentralen Konflikt direkt zu Beginn anreißen
  4. In medias res einsteigen
  5. Stimmung erzeugen
  6.  Emotionen schaffen oder auch mal provozieren
  7. Ruhe bewahren: Nicht am ersten Satz verzweifeln
  8. Wie geht denn nun ein guter Romananfang? Drei Beispiele.

Im Jahr 2007 wurde von der Initiative Deutsche Sprache und der Stiftung Lesen der Wettbewerb „Der schönste erste Satz“ veranstaltet, bei dem der beliebteste erste Satz der deutschsprachigen Literatur gesucht wurde. Ausgezeichnet wurde am Ende des Wettbewerbs „Der Butt“ von Günter Grass. Der erste Satz des Werkes heißt: „Ilsebill salzte nach“. Als schönster Satz im Genre Kinder- und Jugendbuch wurde Janoschs Erzählung „Lari Fari Mogelzahn“ ausgezeichnet:

„In der Mottengasse elf, oben unter dem Dach hinter dem siebten Balken in dem Haus, wo der alte Eisenbahnsignalvorsteher Herr Gleisenagel wohnt, steht eine sehr geheimnisvolle Kiste.“

Was ist nun aber das Geheimnis hinter dem Erfolg dieser Sätze? Sie sind grundverschieden, allein schon, was Ihre Länge betrifft, beide erregen aber Interesse und schüren die Neugier darauf zu erfahren, wie es weitergeht.

 

1 Am Buchanfang steht das Wort: Die eigene Geschichte strukturieren

Buchanfang richtig konzipieren

Bild: Der erste Satz muss nicht am Anfang Ihrer Schreibarbeit stehen, konzentrieren Sie sich zunächst darauf, die eigene Geschichte zu strukturieren.

Sicherlich sollte man sich, plant man den eigenen Text, nicht als allererstes auf den ersten Satz stürzen und ewig an diesem herumfeilen. Bei aller Kreativität und guten Einfällen sollte am Anfang erfolgreicher Schreibarbeit die Gesamtplanung des eigenen Textes stehen. Nur durch einen ausgefeilten Textplan kann man sich später auf die kreative Textarbeit konzentrieren und auch den perfekten Romananfang für die eigene Geschichte basteln. Legen Sie also vor dem Schreiben ein Gerüst fest, nach der Sie vorgehen wollen und strukturieren Sie Ihre Geschichte bereits vorab. So bleibt im Anschluss mehr Zeit für Kreativität!


2 Schauplatz und Charaktere einführen, ohne gleich das Pulver zu verschießen

Bereits auf der ersten Buchseite präsentieren Sie Ihren Lesern im Anriss den ganzen Mikrokosmos Ihrer weiteren Romanhandlung. Führen Sie den Schauplatz und die Charaktere ein – und zwar so kurzweilig, lebendig und interessant, dass der Leser sofort an den Ort der Handlung entführt wird und gern mehr über die Romanhelden erfahren möchte. Interesse erzeugen Sie bei der Einführung der Charaktere dadurch, dass Sie nicht mit einer detailreichen, seitenlangen Beschreibung Ihrer Hauptcharaktere starten, die bereits alles zu diesen Charakteren verrät. Im Gegenteil, weniger ist hier mehr. Ein spannender Anfang lebt von Auslassungen und Lücken. Widmen Sie sich zu Beginn eher Besonderheiten, Ecken und Kanten oder gar Defiziten Ihrer Charaktere, welche die Neugier Ihrer Leser anstacheln. Wichtig ist, dass Sie bereits am Romananfang eine Verbindung zu Ihren Lesern aufbauen. Leser müssen sich in die Charaktere reindenken und mitfühlen können oder zumindest von diesen angeregt oder inspiriert werden. Fragen Sie sich vor dem Schreiben, warum gerade dieser Charakter Ihre Leser besonders interessieren könnte, was Protagonist und Leser vielleicht verbinden könnte oder welcher Aspekt Ihres Romanhelden Ihre Leser vielleicht besonders reizen könnte. Verraten Sie nicht gleich alles über den Charakter oder Schauplatz. Zeigen Sie Lesern so viel wie nötig, um Interesse zu entfachen. Verschießen Sie Ihr Pulver aber nicht gleich zu Anfang.


 

3 Zentralen Konflikt direkt zu Beginn anreißen

Zentraler Konflikt im Buch

Bild: Am Romananfang sollte der zentrale Konflikt des Buches bereits thematisiert werden.

Ein guter Roman baut gleich zu Anfang Spannung auf, in dem der zentrale Konflikt, der im Buch die Hauptrolle spielen wird, gleich auf der ersten Buchseite kurz angerissen wird. So packen Sie ihre Leser am Schlafittchen und nehmen Sie mit auf die packende Reise während der Lektüre Ihres Buches. Gut funktioniert, wenn Sie dabei gleich zu Anfang ein Geheimnis oder Rätsel in den Raum stellen, das Fragen aufwirft. Auch im oben erwähntem Romananfang von Janoschs Buch wirkt dieses Rezept. Leser fragen sich sofort, was hat es mit der geheimnisvollen Kiste auf sich, um die es gleich im ersten Satz geht … Auf diese Weise spannen Sie gleich zu Anfang einen packenden roten Faden, der Ihre Leser vom Buchanfang sofort in den zentralen Handlungsrahmen einführt. Diese sollen sich gleich fragen: Was steckt dahinter? Hat der Protagonist in der Vergangenheit etwas Unerklärliches oder Geheimnisvolles erlebt etc.? Machen Sie Ihre Leser zu Spürnasen und Detektiven, die Ihr Buch nicht mehr aus der Hand legen wollen, bis sie das Geheimnis gelöst haben – und das nicht nur bei einem Kriminalroman.

4 In medias res einsteigen

Buchanfang Handlung einsteigen

Bild: Direkt zu Romanbeginn lässt sich Spannung durch einen Einstieg „in medias res“ aufbauen.

Eine gute Methode, um gleich zu Romanbeginn Spannung aufzubauen ist, die Handlung in „medias res“ beginnen zu lassen. Das heißt, Sie führen Ihre Leser nicht langsam an die Geschichte heran und bauen einen Spannungsbogen auf, sondern steigen mitten ins Geschehen ein. Ihren Leser bleibt so gar keine Atempause zur Langeweile. Durch Handys, Internet und Co. ist die Aufmerksamkeitsspanne eines modernen Lesers nicht mehr dieselbe wie noch zu Goethes Zeiten. Leser können heute aus einer wahren Flut an Büchern und anderen Freizeitaktivitäten auswählen. Sie müssen mit Ihrem Werk also sofort, wenn möglich, direkt auf der ersten Seite überzeugen. Lassen Sie Ihren Romanhelden/Ihre Romanheldin sofort am Anfang auf die Tragödie oder den zentralen Konflikt zusteuern und setzen Sie diese/n einer dramatischen Szene oder Handlung aus. Nicht nur der Protagonist ist auf diese Weise sofort gefordert. Auch die Phantasie des Lesers wird sofort auf den Siedepunkt getrieben und Sie haben Ihre Leser dort, wo Sie wollen: gebannt an Ihren Buchseiten klebend.

5 Stimmung erzeugen

Buchanfang Stimmung

Bild: Erschaffen Sie in Ihrem Roman eine Stimmung, aus der Ihre Leser nicht mehr auftauchen wollen.

Damit Ihre Leser gar nicht erst auf den Gedanken kommen, aus Ihrem Buch wieder auszusteigen, müssen Sie auf der ersten Buchseite bereits die Stimmung des Romans aufbauen. Erzeugen Sie eine Stimmung, die dazu führt, dass Leser weiterlesen möchten. Bereits mit dem ersten Satz können Sie eine Stimmung schaffen, die Erwartungen, Spannung und Gefühle auslösen und sofort eine Verbindung des Lesers mit dem Text etabliert. Überlegen Sie sich vor dem Schreiben genau, welche Stimmung Sie aufbauen wollen und wie Sie diese Stimmung erzeugen wollen. Hilfreich ist es, vor dem Beginn des Schreibens eine Liste an Vokabeln oder Adjektiven aufzubauen, die für die Erzeugung einer spezifischen Stimmung nützlich sein kann.

 

6 Emotionen schaffen oder auch mal provozieren

Emotionen sind auch beim Buchanfang das A und O. Nur wenn Sie Ihre Leser gleich zu Anfang mit Ihrer Lektüre emotional bewegen, ist auch gesichert, dass diese Leser weiterlesen. Harmonisch und reibungslos wollen Menschen zwar am liebsten leben, aber wenn es um ein gutes Buch geht, stehen nicht Harmonie und Ruhe im Vordergrund, sondern ein Reibungspunkt oder Konflikt. Provozieren Sie Ihre Leser ruhig auch mal. Leser, die sich gefordert fühlen und in ihrer Phantasie angeregt, bleiben an Ihrem Text dran. Warum wurde in der Presse so oft über Shades of Grey geredet? Vielleicht auch deshalb, weil die Lektüre des Buches provoziert hat und vielfältige Meinungen und Ansichten nach sich gezogen hat.

 

7 Ruhe bewahren: Nicht am ersten Satz verzweifeln

Nicht am ersten Satz verzweifeln!

Bild: Lassen Sie sich vom ersten Satz nicht stressen. Sicher fällt Ihnen auch während des Schreibens noch etwas ein!

Sicherlich, mit einem genialen, packenden ersten Satz binden Sie Ihre Leser an Ihr Werk. Sie dürfen sich beim Niederschrieben Ihrer Geschichte aber auch nicht alleinig auf einen guten ersten Satz verlassen und hoffen, dass Ihre Leser nur deshalb dran bleiben. Der erste Satz kann Leser fesseln und zum Lesen animieren, aber danach macht der Rest des Romans die Musik. Verkrampfen Sie also bloß nicht, wenn Ihnen nicht gleich der ultimative erste Satz zu Ihrem Roman einfällt oder lassen Sie sich von der Suche nach dem noch nie dagewesenen ersten Satz gar in eine Schreibblockade treiben. Wenn Sie nicht gleich einen perfekten ersten Satz parat haben, lassen Sie sich nicht aus der Ruhe bringen, sondern legen Sie los mit Ihrem Werk und kommen später wieder auf den Romananfang zurück. Auch in der Rücksicht ist es manchmal einfacher, einen passenden und knackigen ersten Satz oder Romanbeginn aus dem Ärmel zu schütteln.

 

8 Wie geht denn nun ein guter Romananfang? Drei Beispiele.

 

„Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“

aus „Der Prozess“ von Franz Kafka

 

Der Prozeß

Bild: Cover „Der Prozess“ von Franz Kafka

Dieser erste Satz von Kafkas Roman „Der Prozess“ haut wie eine donnernde Faust auf die Leser nieder. Diese werden nicht nur in medias res in den Roman geführt, denn Josef K. ist an dieser Stelle bereits verleumdet worden. Noch dazu baut der Autor gleich einen spannungsgeladenen Widerspruch auf. Der Protagonist wurde verleumdet, obwohl er nichts getan hat. Warum wird ein unschuldiger Mensch verleumdet und von wem? Sofort sind wir mitten im Geschehen und fragen uns, wie es wohl weitergeht.

 

 

„Sie spürte das Zittern des Bodens, sah den glühenden, schwankenden Horizont, hörte die Schreie der Panik, die sich zu einer wilden Kakophonie des Grauens vereinigten.“

aus „Die Träne des Fressers“ von Nathan C. Marus

 

Die Träne des Fressers

Bild: „Die Träne des Fressers“ von Nathan C. Marus

Nathan C. Marus inszeniert mit seinem packenden Roman nicht nur eine bildgewaltige, düstere Fantasywelt, sondern wirft seine Leser ab der ersten Romanzeile gleich mit dem ersten Satz in einen Kosmos aus Ungewissheit, Panik und Grauen. Mehr in medias res geht nicht. Genau wie die außergewöhnliche Protagonistin, eine Elfe in einem Universum gewaltiger Schlachten, werden auch wir Leser sofort gefordert, uns in diesem gefährlichen Kosmos zu orientieren.

 

 

„Wissen Sie, warum es Auftragskiller gibt?“

aus „Adiós, mein Liebster“ von Sybille Baecker

 

Adiós, mein Liebster Sybille Baecker

Bild: Cover „Adiós, mein Liebster“ von Sybille Baecker

Die Krimiautorin Sybille Baecker geht wieder ganz anders an ihren Romananfang heran. Gleich im ersten Satz provoziert sie das Gegenüber und uns Leser mit einem gewagten Satz. Dieser wirft weitere Fragen auf und löst natürlich den Wunsch aus, die Antwort auf diese Frage zu hören und zu erfahren, warum es der Romanfigur denn scheint, als haben Auftragskiller ihre Berechtigung. Baecker provoziert ihre Leser mit ihrem Romananfang und baut mit diesem Satz zugleich auch eine knisternde Stimmung auf, die uns in der Lektüre gefangennimmt und zum Umblättern animiert.

So, jetzt sind Sie dran! Wir wünschen viel Erfolg beim Basteln Ihres Buchanfangs!


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