Blogs im Porträt: Interview mit Booknerds.de

Christian Popp

Chris Popp, Gründer und Chefredakteur von booknerds.de

Rezensionen über Bücher, Filme, Serien, Dokumentationen oder Hörspiele – eigentlich gibt es nichts, was es auf booknerds.de nicht gibt. Die Bandbreite der besprochenen Medien und Themen ist nicht zuletzt deshalb so groß, da eine 16-köpfige Redaktion regelmäßig für neuen, spannenden Input sorgt. Wir sprachen mit Chris Popp, Gründer und Chefredakteur von booknerds.de,

tredition: Lieber Herr Popp. Sie haben vor knapp über zwei Jahren booknerds.de ins Leben gerufen. Was gab den Anlass dazu?

Chris Popp: Zuerst einmal vielen Dank für diese Interviewmöglichkeit – das war eine sehr schöne Überraschung am heutigen Tag.

Wie es zu booknerds.de kam? Da muss ich weit ausholen. Meine persönliche schreiberische Laufbahn reicht bis 2003 zurück. Alles begann eigentlich aus purer Langeweile. Arbeitslosigkeit, nichts zu tun, verkümmernde Kreativität. Ich konnte nicht einfach nur Medien konsumieren. Dann wagte ich den Sprung ins kalte Wasser. Los ging es mit Musikrezensionen für diverse Onlinemagazine, teilweise auch für etablierte. Mit der Zeit kamen auch Rezensionen zu Büchern und Filmen hinzu. All das übte ich bis Ende 2009 beim im selben Jahr eingestellten Scarred For Life-Onlinemagazin aus, welches sich stilistisch immer weiter öffnete. 2010 fing ich dann gleichzeitig bei Musikreviews.de (online) und beim booknerds.de in medialer Hinsicht gar nicht unähnlichen Printmagazin „noisyNeighbours – das magazin für musik, film, literatur und.“ an. Dort intensivierte sich dann die schreiberische Arbeit bezüglich Film und Literatur. Mir war der vierteljährliche Veröffentlichungsrhythmus allerdings zu langsam, und der begrenzte Platz, den Print mit sich bringt, war frustrierend. Ich wollte das Printmagazin zudem – mit Kollege Klaus Reckert als Rückenstärkung – auch online stärker präsent werden lassen, doch die Vorstellungen gingen dann trotz anfänglicher Begeisterung doch sehr auseinander, und die Online-Angelegenheit verlief wieder im Sande. Man war dort zufrieden mit dem, was man hatte, und das ist auch völlig in Ordnung so, da das Magazin seinen ganz eigenen Charme besitzt. Doch Herr Reckert und ich wollten mehr. Wir wollten es anders angehen, und wir wollten auch vorwärts kommen, mit der Zeit gehen – also entschlossen wir kurzerhand, doch einfach etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, bei dem wir nach unseren eigenen Vorstellungen agieren können. Und so entstand im November 2012 „booknerds.de – literatur und mehr“. Von Herrn Reckert kam auch die Namensidee booknerds.de. Im Grunde war die Gründung eine Kurzschlussreaktion. Zwischen Entschluss und Verwirklichung vergingen nur wenige Tage.

tredition: Könnten Sie kurz das Konzept der Plattform erläutern?

Chris Popp: booknerds.de zu charakterisieren ist gar nicht so einfach, auch das Konzept ist ein offenes. Denn wir sind weder ein klassisches (Literatur)Blog noch ein reines Onlinemagazin, sondern irgendetwas dazwischen. Ein Blog mit journalistischem Anspruch und Teamgedanken – oder ein Magazin mit Blogflair. Ein Hybrid aus Blog und Magazin eben. WirBooknerds wollten von Anfang an multimedial orientierte Inhalte anbieten und uns nicht ausschließlich auf Literatur begrenzen, und so sind wir auch diesbezüglich sehr offen und schreiben Rezensionen über Bücher, Hörbücher, Hörspiele, Filme, Serien, Dokumentationen – und in Zukunft vielleicht auch über Spiele oder weitere Medien. Auch Interviews, Kolumnen und Livebesprechungen kann der Leser bei uns finden.

„Wir möchten den Lesern aufzeigen, dass es jenseits der großen, mächtigen Konzerne wie amazon, Thalia und Co. auch noch andere Buchversandmöglichkeiten gibt.“

Hinzu gesellen sich noch zwei Rubriken, die uns sehr am Herzen liegen und uns vielleicht auch hinsichtlich Originalität etwas von der Masse abheben. Das wäre einmal die Rubrik „Klappe, Text!“, in welcher wir Autoren, Musiker oder sonst wie zu booknerds.de passenden Menschen (das dürfen auch Leser sein, nicht zwingend Künstler) nach dem „Carte blanche“-Prinzip einfach ein kleines Podest bieten. Hier kann man Gedichte, kleine Essays, Kurzgeschichten, Gedankengänge, Lobhudeleien, Meckereien, Nonsens oder wonach auch immer einem gerade ist,  niederschreiben. Außerdem gibt es die Reihe „Der Vinyl-Terrorist“, in welcher sich unser Redakteur Philipp Hoffmann auf originelle Weise über Exemplare aus seinem Plattenschrank des Grauens auslässt. Ebenso arbeiten wir an einer Alternativliste. Wir möchten den Lesern aufzeigen, dass es jenseits der großen, mächtigen Konzerne wie amazon, Thalia und Co. auch noch andere Buchversandmöglichkeiten gibt, zumal viele kleine Buchhandlungen mittlerweile ja auch Versand und Onlinebestellmöglichkeiten anbieten – oftmals schneller als die „Großen“.

Wichtig ist für uns die Unabhängigkeit, und auch Werbung wollen wir vermeiden. Auch möchten wir uns als eigenständige Plattform etablieren, weswegen man von uns Rezensionen bis auf ganz, ganz wenige Ausnahmen auch nicht parallel bei amazon, Lovelybooks etc. finden wird.

Alternativliste booknerds

Anregung zum Bucheinkauf jenseits der Filialisten: booknerds listet lokale Buchhändler und deren Onlineshops auf.

„Hinsichtlich Themen und Genres sind wir völlig offen. Wir sind die absoluten Freischwimmer.“

tredition: Setzt booknerds.de einen Schwerpunkt auf bestimmte Genres und Themen?

Chris Popp: Bezüglich Medien wird die Literatur in Schrift und Ton wohl auch in Zukunft dominieren. Hinsichtlich Themen und Genres sind wir völlig offen. Wir sind die absoluten Freischwimmer. Ob Kinderbuch, Horrorfilm, Lovestory, Comedyserie, Hochintellektuelles, Nonsens, Sachbuch, Fantasy, Science-Fiction oder Experimentalliteratur – es ist völlig egal. Wichtig ist uns nicht, was es ist, sondern wie es ist. Es gibt so viel Spannendes da draußen zu entdecken, da wäre es doch schade, sich durch selbstauferlegte Limitierungen vermeintlich Nichtpassendem zu versperren. Auch beschränken wir uns nicht auf Neuerscheinungen. Wenn jemand ein 15 Jahre altes Buch daliegen hat und unbedingt etwas dazu schreiben möchte: Nur zu. Ein Film aus dem vorletzten Jahr? Gern.

tredition: Wie sollten Autoren vorgehen, wenn sie dem Team von booknerds.de Ihr Buch vorstellen möchten?

Chris Popp: Der beste Weg ist immer der über unser Kontaktformular, wodurch die entsprechende E-Mail direkt bei mir ankommt. Diese E-Mail, in der etwas über das Buch und dessen Autor/in zu lesen sein sollte, leite ich dann an meine Mitschreiber weiter, damit diese auch davon Notiz nehmen können. Anschließend entscheiden wir demokratisch, wer genau was machen möchte (und ob überhaupt). Natürlich kann man uns auch via Facebook, Twitter oder Google+ schreiben, aber letztendlich erweist sich das als umständlich.

tredition: Booknerds.de zählt ganze 16 Redakteure. Wie konnte dieses beachtlich große Team geschaffen werden und wie organisiert Ihr Euch?

Chris Popp: Das Team wuchs von ganz alleine kontinuierlich an. Am Anfang musste durchaus noch die Werbetrommel gerührt werden, doch so langsam sprach sich booknerds.de herum und die Schreiber kamen zu einem großen Teil von selbst oder durch Mundpropaganda seitens der Kollegen. Einige von uns sind Vielschreiber und liefern wöchentlich mehrere Artikel ab, andere wiederum schreiben nur sporadisch – jeder wie er kann und möchte.

Die Organisation ist eigentlich recht simpel, wenn auch zeitaufwändig. Ich bekomme regelmäßig von Verlagen und Labels sowie diversen Promotionagenturen E-Mails. Die meisten davon weisen auf anstehende Veröffentlichungen hin oder beinhalten Vorschauen. Diese leite ich dann an alle weiter. In einer geschlossenen Facebookgruppe, sozusagen unserem Redaktionsbereich, melden wir dann kalenderwochenweise wöchentlich unsere Wünsche, einigen uns bei eventuellen Überschneidungen, und am Anfang der darauf folgenden Woche bestelle ich dann die Besprechungsexemplare. Auch Titel aus dem eigenen Fundus der Redakteure werden so angemeldet. Und eine Woche später geht das Spielchen dann wieder von vorne los.

Anschließend pflegen die Schreiber nach getaner Lektüre/getanem Hör- oder Sehgenuss überwiegend selbstständig durch ein von mir erstelltes Redaktionshandbuch ihre Artikel ein, laden Cover (und bei Filmen Szenenbilder) hoch und speichern das Ganze ab. Die Korrektur und das finale Layout übernehme ich dann selbst und veröffentliche danach die Artikel. Und selbstverständlich erhalten die uns die Rezensionsexemplare zur Verfügung stellenden Kooperationspartner nach online gestelltem Artikel den Beleglink. Obendrein teile ich unsere Artikel dann auch auf unseren Social-Network-Seiten bei Facebook, Twitter und Google+. In vielen Fällen posten wir auch auf die jeweiligen Verlags- und Künstlerpinnwände. Die Film- und Serienrezensionen werden zusätzlich noch auf ofdb.de verlinkt.

„Es gibt zahlreiche integre Selfpublisher, die ihre Arbeit ehrlich und unaufdringlich promoten.“

tredition: Der Self-Publishing-Markt in Deutschland wächst rasant. Wie seid Ihr unabhängigen Autoren gegenüber eingestellt?

Chris Popp: Grundsätzlich offen. Allerdings veröffentlichen zahlreiche Selfpublisher ihre Bücher ausschließlich als eBook, und viele unserer Schreiber (inklusive mir) sind eher Verfechter des papiernen Buches. Wer uns ein gedrucktes Buch anbietet, hat grundsätzlich bessere Chancen auf eine Rezension im Interessefall als jemand, der lediglich ein eBook anzubieten hat. Da scheinen wir im Team als Leser überwiegend konservativ veranlagt zu sein.

Wie meine Kollegen unabhängigen Autoren bzw. Selfpublishern gegenüber eingestellt sind, kann ich nicht kollektiv in deren Namen beantworten, denn da hat jeder seine eigene Einstellung und seine eigenen Erfahrungen – und unsere Redakteurin Juliane Vogler ist ja selbst Autorin und Selfpublisherin.

Ich für meinen Teil sehe in der SP-Szene mehr oder minder „solche und solche“. Es gibt zahlreiche integre Selfpublisher, die ihre Arbeit ehrlich und unaufdringlich promoten. Allerdings gibt es auch jene, die beinahe täglich ihre eBooks promoten. Da schwindet zumindest von meiner Seite aus sehr schnell das Interesse. Die individuelle Qualität, auf welche die Leseproben, die ich mir so zu Gemüte führe, schließen lassen, variiert erheblich. Da sind wirklich talentierte Vertreter unterwegs, aber auch solche, bei denen man die Hände über dem Kopf nur zusammenschlagen kann. Selbiges gilt auch für die Cover, die von billig, klischeehaft über nichtssagend bis interessant und verlockend alles zu bieten haben.

Als wirklich negativ empfinde ich allerdings zwei Dinge: Zum einen scheint es zahlreiche Autoren zu geben, die geistigen Diebstahl begehen, fremde eBooks kopieren/plagiieren, diese dann als ihre eigenen ausgeben und sie auch verkaufen. Noch schlimmer finde ich es allerdings, dass es diverse Selfpublisher gibt, die sich gegenseitig „hochrezensieren“: Gibst du mir eine 5-Sterne-Rezension, gebe ich dir auch eine. Gerade wenn dieselben Rezensentennamen immer wieder auftauchen und sich die meist kurzen, absolut nichtssagenden Rezensionen (ausnahmslos 5 Sterne) doch sehr ähneln, ist da doch etwas faul…

Gerade letztere zwei Vertreter der Spezies Selfpublisher ruinieren den Ruf all jener Selfpublisher/Indie-Autoren, die ehrlich unterwegs sind.

„Viele unserer Schreiber sind eher Verfechter des papiernen Buches.“

tredition: Was muss ein Buch auszeichnen, das Euch begeistert und zu einer Rezension veranlasst?

Chris Popp: Es muss auf irgendeine Weise interessant wirken. Das kann eine Werbeanzeige, ein Klappentext, das Cover, ein YouTube-Trailer, Mundpropaganda, ja manchmal sogar eine Rezension auf anderen Blogs oder in anderen Magazinen sein. Irgendetwas eben, das den Impuls auslöst, sich damit auseinandersetzen zu wollen.

tredition: Welche Pläne gibt es 2015, booknerds.de weiterzuentwickeln?

Chris Popp: Sagen wir es mal so: Wir möchten niemals aufhören, uns weiterzuentwickeln. Der nächste Schritt ist, den Lesern noch regelmäßiger Artikel bieten zu können, natürlich noch mehr Leser auf unsere Seite zu ziehen und irgendwann vielleicht – ohne Werbung – wenigstens ein paar Euro zur Deckung der zum Glück noch geringen Kosten für booknerds.de reinzuholen. Außerdem möchten wir versuchen, die Leser zu mehr Diskussionen anzuregen. Wir haben zwar ein Forum, doch dieses ist leider sehr, sehr ruhig. Auch wird nicht allzu viel bei uns kommentiert, was irgendwie schade ist. Also werden wir zusehen, dass die Interaktivität künftig benutzerfreundlicher ausfällt.

In nicht allzu ferner Zukunft wird booknerds.de optisch und funktionell eine deutlich erkennbare Frischzellenkur erhalten. Das Layout wird magazinlastiger und weniger „bloggy“ sein, damit der Leser auf der Hauptseite nicht nur die letzten x Artikel aus allen Genres und Medienbereichen untereinander mit angeteaserten Texten zu sehen bekommt, sondern nach Medien gegliedert: Die x neuesten Buchrezensionen, die x neuesten Filmrezensionen, die x neuesten Hörbuchrezensionen und so weiter und so fort. Auch wird die neue Seite „responsive“ sein, sprich, sie wird sich automatisch an das benutzte Endgerät anpassen. Tablet, Smartphone, PC, Phablet – überall soll booknerds.de intuitiv zu bedienen sein. Auch sind wir darum bemüht, dass unsere Smartphone- und Tablet-App auf möglichst vielen Systemen und auch langfristig verfügbar ist.

Wir schreiben, um auch gelesen zu werden. Nur möchten wir möglichst unaufdringlich auf uns aufmerksam machen. Und so schließt sich der Kreis zum Anfang unseres Interviews, für das ich nochmals danken möchte – denn es ist eine großartige Möglichkeit, den Leserkreis noch ein wenig zu erweitern.

Schmökern Sie hier (http://www.booknerds.de) direkt bei den booknerds. Der Blog ist zudem auf den einschlägigen sozialen Netzwerken vertreten:
http://www.facebook.com/booknerds.de
http://www.twitter.com/booknerds_de
http://www.google.com/+BooknerdsDeMagazin

Weitere Buchblogs im Porträt auf tredition.de:

Wortakzente – hier ist der Name Programm
Anima Libri – Auftritt mit Eleganz
Wo das Schreiben zelebriert wird
Bookrecession – für die Lust am Buch

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.