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Charlie Bregman über Self-Publishing in Frankreich

„Wer sind eigentlich diese mysteriösen Self-Publisher?“ Auf diese Frage manches misstrauischen Vertreters der traditionellen französischen Literaturszene möchte Charlie Bregman mit einer großen Umfrage unter Self-Publishing-Autoren Antwort geben. Ziel von Bregman ist es, unter Verlagen, Buchhändlern und Feuilletonisten Bewusstsein für das schnell wachsende Segment des Self-Publishing zu schaffen.

Charlie Bregman

„In Frankreich bevorzugen viele Leser nach wie vor das gedruckte Format“, sagt Charlie Bregman

Bregman, 1974 geboren, lebt im Département Haut-Savoie und hat im Alter von 32 Jahren seinen ersten Roman veröffentlicht – zunächst kapitelweise auf seinem Blog, den im Schnitt 300 Leser am Tag besuchten. Der Liebesroman erschien 2013 als gedrucktes Buch und als e-Book. Bregman hat zudem einen Ratgeber für angehende Autoren herausgegeben und eine Onlineplattform für unabhängige Autoren ins Leben gerufen.

tredition: Wann haben Sie Ihre Leidenschaft für das Schreiben entdeckt?

Charlie Bregman: Ich schreibe schon seit meinem 13. Lebensjahr. Am Ende des Schuljahres – schon nach den Zeugnissen – gab uns unser Französisch-Lehrer die Aufgabe, einen Aufsatz zum Thema Reise zu verfassen. Da wir keine Benotung zu erwarten hatten, war meiner Kreativität keine Grenzen gesetzt und ich verfasste eine 16-seitige Novelle. Zu diesem Zeitpunkt wurde mir bewusst, dass ich es liebe, zu schreiben. Es folgten diverse Science-Fiction-Erzählungen, eine eigene kleine Zeitung, ein Theaterstück, Romanansätze usw. Ich erinnere mich nicht an keine einzige Phase während meiner Jugendzeit, in der ich nicht geschrieben habe.

tredition: Wann entstand die Idee, ein Buch zu veröffentlichen?

Charlie Bregman: Eigentlich schon während meiner Jugend. Aber erst als ich 32 war, hatte ich den Mut, das auch umzusetzen, zunächst auf zwei eigenen Blogs. So entstand auf Anhieb mein erster Roman, den ich gemeinsam mit einem Illustrator in einzelnen Kapiteln online veröffentlichte. Die Resonanz der Leserschaft war großartig, der Blog zählte im Schnitt 300 Besucher pro Tag und das war eine Riesen-Motivation für mich, den Roman über einen Zeitraum von 1,5 Jahren sukzessive online zu publizieren.

tredition: Was ist das Thema dieses dann 2013 als gedrucktes Buch und als e-Book veröffentlichten Romans „Vivement l’amour“?

Charlie Bregman: Es ist eine Liebesgeschichte um zwei Teenager im Frankreich der 80er Jahre, mit vielen Irrungen und Wirrungen, Höhen und Tiefen, wie sich das für einen Liebesroman gehört.

tredition: Wie haben Sie für den Roman geworben?

Charlie Bregman: Da der Buchhandel in Frankreich gegenüber Self-Publishing wenig offen ist, habe ich mich komplett auf Onlinemarketing konzentriert, Facebook und Twitter genutzt, ebenso Foren und Blogs. Im ersten Jahr nach Erscheinen der gedruckten Ausgabe habe ich zwischen 150 und 200 Exemplare verkauft; meiner Einschätzung nach haben dazu vor allem die Rezensionen in Literaturblogs beigetragen. Danach flachten die Print-Verkäufe ab. Bei Amazon hingegen wurden bereits über 1.000 e-books gekauft.

tredition: Sind Sie mit diesen Absatzzahlen zufrieden?

Charlie Bregman: Ja und Nein. Wenn man bedenkt, dass ein Debütroman sich in Frankreich im Schnitt 700 Mal verkauft, sind meine Verkaufszahlen ermutigend. Aber ich glaube, da ist noch Luft nach oben. Nicht alle Marketing-Möglichkeiten und Vertriebskanäle sind voll ausgeschöpft, aber ohne entsprechende Kooperationen ist es schlichtweg nicht zu schaffen, das Buch noch bekannter zu machen.

Vivement l'amour

Der Liebesroman erschien zunächst kapitelweise in einem Blog, bevor er als vollständiges Buch auf den Markt kam.

tredition: Ende 2013 haben Sie den Ratgeber „Schreib Dein Buch“ veröffentlicht. Richtet sich das Buch an blutige Anfänger oder bereits erfahrene Self-Publisher?

Bregman: Vor allem Autoren ohne Erfahrung. Ich glaube, dass das Schreiben eines Buches keine unüberwindbare Herausforderung darstellt. Dessen sind sich die meisten nur nicht bewusst und wagen es nicht, ihr Projekt umzusetzen. Aus meiner Sicht gibt es fünf Erfolgsfaktoren:

  • Eine reiche Vorstellungskraft
  • die Lust am Schreiben
  • eine professionelle Schreibtechnik
  • ein ernstgemeintes und regelmäßiges Engagement
  • und die Geduld, etwas neu- und umzuschreiben.

Darauf basieren die Ratschläge in meinem Buch, gepaart mit einem persönlichen Coaching, um Schreibblockaden zu überwinden. Ein Nachfolgeband, der den Fokus auf Self-Publishing setzt, ist bereits in Arbeit.

tredition: Welche Bedeutung hat das e-Book in Frankreich?

Charlie Bregman: Meiner Einschätzung nach nicht so eine große Bedeutung wie in Deutschland. Viele Leser sind  dem gedruckten Format noch immer viel mehr verbunden. Deshalb ist es für Self-Publisher ratsam, das eigene Buch in beiden Formaten anzubieten.

tredition: Kürzlich haben Sie eine Umfrage unter französischen Self-Publishing-Autoren gestartet. Mit welchem Ziel und wie ist die Resonanz bisher?

Charlie Bregman: Self-Publishing ist ein echter Boom in Frankreich, findet aber keinerlei Beachtung in der traditionellen Literaturszene. Dabei haben viele Self-Publisher sich längst ein professionelles Niveau erarbeitet, das Verlagsautoren in nichts nachsteht. Ziel der Umfrage ist es also, zu zeigen, wer diese „mysteriösen“ Self-Publisher überhaupt sind, welche Kompetenzen sie haben usw. Bisher haben etwa 120 Autoren an der Umfrage teilgenommen, darunter viele, die angeben, bereits vom Schreiben leben zu können. Die Umfrageergebnisse werden bald als kostenloses e-Book veröffentlicht und an Verlage, die Presse, Buchhändler und weitere Vertreter der Buchbranche geschickt. Mehrere Verlage haben bereits Interesse an der Umfrage bekundet. Spätestens seit der französische Verleger Michel Lafon die Self-Publishing-Autorin Agnès Martin-Lugand für sein Programm entdeckt hat, ist das Bewusstsein dafür entstanden, dass im Self-Publishing Talente zu entdecken sind.

Ecris ton livre

Ratgeber für angehende Autoren: Charlie Bregman lässt Self-Publisher von seinen eigenen Erfahrungen profitieren

tredition: Im Januar haben Sie ein Onlineportal für unabhängige Autoren gestartet. Was ist das Konzept der Site?

Charlie Bregman: Das Portal bietet Autoren die Möglichkeit, sich auszutauschen, gegenseitig zu inspirieren und zusammenzuarbeiten. Es werden zum Beispiel Manuskripte untereinander ausgetauscht, um die Einschätzung anderer zum eigenen Werk zu bekommen, die Autoren unterstützen sich bei der Covergestaltung, den Klappentexten, bei Fragen der e-Book-Formatierung uvm. Die Self-Publishing-Autoren werden sich zunehmend der Tatsache bewusst, nicht gezwungenermaßen alles selbst machen zu müssen, sondern auch auf die Kompetenzen und Erfahrungen anderer zurückzugreifen.

tredition: Herzlichen Dank für das Gespräch, Monsieur Bregman.

Charlie Bregman: Ich danke Ihnen für das Interesse und wünsche allen deutschen Self-Publishing-Autoren viel Erfolg!

Erfolgskonzept Autorenwettbewerb: Im Gespräch mit Marcello Vena von der RCS Mediagroup, Italien

Der Maestro in puncto AutorenwettbewerbMarcello Vena leitet das Digitalgeschäft der italienischen Verlagsgruppe RCS Libri, zu der u.a. die Verlage Rizzoli, Bompiani und Fabbri Editori gehören. Er blickt auf 17 Jahre Erfahrung im Digitalgeschäft in unterschiedlichen Branchen und Ländern Europas, der USA und Asien zurück.

indition: Dieses Jahr veranstaltet der zur RCS Mediagroup gehörende Rizzoli-Verlag einen Literaturwettbewerb in Kooperation mit Kindle Direct Publishing und dem auf Social Reading spezialisierten Startup 20lines. Welches Ziel verfolgen Sie mit der Aktion?

Marcello Vena: Mit BigJump wollen wir Self-Publishing-Titel „casten“, die das Potenzial für eine Veröffentlichung in unserem Verlagsprogramm haben. Dabei beziehen wir die Lesermeinungen vom Portals 20lines mit ein und wählen den Gewinner aus den zehn beliebtesten Titeln in drei Kategorien (Thriller, Liebesroman, Historienroman). Der Wettbewerb ist ein innovativer Mix aus Crowdsourcing und dem klassischen verlegerischen Auswahlprozess. Schon in den vier ersten Wochen nach Start des Wettbewerbs sind über 250 Bücher eingereicht worden.

indition: 2013 haben Sie bereits einen Autorenwettbewerb unter dem Titel „You Crime“ durchgeführt. Was war das Konzept des Wettbewerbs?

Vena: Wir haben die Kurzgeschichten von zwölf jungen, unbekannten Autoren zusammen mit vier Geschichten von populären italienischen Autoren als e-Books veröffentlicht. Die teilnehmenden Nachwuchsautoren wurden aufgefordert, über Social Media für die e-Books zu werben. Der Gewinner wurde anhand eines Online-Votings der Leser ermittelt. Alle vier e-Books gehörten zu den bestverkauften aus unserem Verlag.

indition: Worauf führen Sie den Erfolg von „You Crime“ zurück?

Vena: Es gibt mehrere wichtige Erfolgsfaktoren. Lassen Sie mich nur einige davon nennen: Das richtige Team, die dahinterstehende Organisation durch unser Unternehmen, hochwertige Inhalte, vier bekannte Autoren als Mentoren, zwölf digital versierte Teilnehmer, die sich mit Onlinemarketing auskennen, unsere Medienpartnerschaft mit der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“, unsere Marketingmaßnahmen und das Wettbewerbsformat als solches.

indition: Unter welchen Voraussetzungen ist Innovation dieser Art in Verlagen möglich?

Vena: Radikale Innovation ist immer ein schwieriger Prozess und zwar in jeder Branche und in jedem Land. Das kann ich aus persönlicher Erfahrung nach fast 15 Jahren in verschiedenen Wirtschaftszweigen sagen. 2011 kam ich zu RCS Libri, um das Digitalgeschäft neu aufzubauen – ohne jegliche Erfahrung im Verlagswesen. Innovation hängt nicht nur von kreativen Strategien und deren perfekter Umsetzung ab. Es geht in erster Linie um qualifiziertes Personal und eine entsprechende Unternehmenskultur. Deshalb fällt es traditionellen Unternehmen schwer, innovativ zu sein: Sie brauchen die richtigen Talente, Kompetenzen, Partnerschaften und Ressourcen zum richtigen Zeitpunkt.

indition: Wie lassen sich traditionelles Verlagswesen und Self-Publishing kombinieren?

Vena: Wir haben bei uns den Begriff „Co-Publishing“ als Bezeichnung für einen Mittelweg zwischen beiden Publikationsformen eingeführt. „YouCrime“ ist ein Beispiel dafür. Die Kernidee ist, dass sowohl Autoren als auch Verlage in die Vermarktung der Bücher investieren. Sinnvoll ist das natürlich vor allem für neue Autoren. Co-Publishing ermöglicht es Verlagen, das Investment in neue Autoren zu reduzieren und zugleich mehr neue Autoren pro Jahr mit den gleichen Ressourcen zu etablieren. Jenseits solcher inhaltebasierten Formen des Co-Publishing gibt es noch weitere Möglichkeiten – beispielsweise ein Imprint, mit dem traditionelle Verlage und Start-ups gemeinsam Buchprojekte fördern. Der Spielraum an Ideen ist groß. Ich sage immer: „Die Zukunft ist nicht vorhersehbar aber sie kann erfunden werden.“ Es kommt darauf an, Visionen zu haben und daraus die richtige Strategie abzuleiten.

indition: Vor welchen Herausforderungen steht das italienische Verlagswesen in den kommenden Jahren?

Vena: Verlage müssen sich zu digital hochprofessionell agierenden Unternehmen entwickeln. Das gilt für alle Arbeitsbereiche vom Vertrieb über Marketing und Herstellung bis zum Rechnungswesen und dem Rechts- und Lizenzbereich. Das Digitalgeschäft beschränkt sich ja nicht auf das Ausgabeformat e-Book. Vielmehr bedeutet es, rund um die Uhr Autoren und Leser über jeden Weg, jede Dienstleistung und jede mögliche Technologie zu erreichen – online und offline. Das ist leichter gesagt als getan und wir durchlaufen einen kontinuierlichen Lernprozess. Letztlich muss das Digitale so selbstverständlich werden, dass es nur noch für die IT-Experten im Verlag ein Gesprächsthema ist. Ich erhoffe mir einen Buchmarkt, in dem das digitale Publizieren die Grundlage des Verlagswesens an sich wird und aus unserem Vokabular verschwindet; so dass wir einfach nur über das Verlegen an sich sprechen: Inhalte, Autoren und Leser.